Zwischen Verortung und Exotisierung
„Ich schöpfe aus der Geschichte meines Volkes und meiner Familie“
Bild: privat
Symbolbild

Interview. Die Fachschaft Orientalistik und Islamwissenschaft veranstaltet am 20.5. einen Vortrag mit der irakischen Künstlerin Havin Al-Sindy. :bsz hat im Vorfeld mit ihr und mit Rana El Kabbout vom Fachschaftsrat gesprochen. 

:bsz: Havin, Deine Kunst ist eng mit Deiner Biografie verbunden. Kannst Du ein paar Sätze zu Dir und Deinem Kunstprojekt sagen? 

Havin Al-Sindy: Kurz zusammengefasst beschäftigte ich mich in meinen Arbeiten aus unterschiedlichen künstlerischen und wissenschaftlichen Blickwinkeln mit den Fragen der Erinnerung und ihrer Rekonstruktion, mit Verortung und Entortung. Ich schöpfe dafür aus der Vergangenheit, der Geschichte meines Volkes und meiner Familie.
Diese Aspekte können leicht übertragen werden. Jedoch besteht sehr oft die Gefahr, dass meine Arbeiten auf meine Herkunft reduziert werden. Ich bin der Ansicht, dass alle Objekte meiner Installationen eine eigene Herkunft und Biografie besitzen. Genau diesen Aspekt beleuchte ich, um stereotypische Platzierung zu vermeiden. Zudem denke ich, dass alle Künstler:innen in ihrer Biografie nach künstlerischen Themen suchen und diese umzusetzen versuchen. 

 

Welche Probleme hast Du, Deine Kunst im Westen beziehungsweise in Deutschland zu vermitteln? 

H: In meinen künstlerischen Arbeiten verbinde ich Disziplinen der Wissenschaft und der Kunst. Dies fordert eine Auseinandersetzung. Ein Text, ein Bild oder eine Installation auf einen Aspekt zu reduzieren, scheint sehr oft leichter. Vielleicht ist es auch nicht einfach, eine Installation im Ganzen zu erfassen. Auffällig ist jedoch, dass die Rezension nahezu ausschließlich auf die Herkunft und die Biografie reduziert wird. Als ich die Installation „Lehm an meinem/ ihrem Finger – Ein Bild von einem Lehmhaus“ aus meiner Erinnerung, und im Maßstab der Erinnerung erstellte, wurde das Thema „Wohnen in fremden Ländern“ untersucht, nicht aber die Ebene der Erinnerung, des Material, der Tradition der Architektur, das Zusammenspiel mit der vorgegebenen Architektur und so weiter. Hier wird der Blick auf Arbeiten von Künstler:innen, die eine andere Herkunft haben, deutlich. In der Kunstwissenschaft gibt es schon lange einen klaren Diskurs über den „Blick des Westens“, des Otherings, des Eurozentrismus und der Exotisierung.  
Ich berücksichtige diesen in meinen Arbeiten und habe ihn auch in meiner Arbeit „Der Stoff / Kras û fistan“ thematisiert, da es sehr wichtig ist, auf diese Strukturen und Missstände hinzuweisen. 

 

Rana, wieso habt Ihr Havin eingeladen, was versprecht Ihr Euch von der Veranstaltung? 

 Rana El Kabbout: Ich durfte bereits einige Erfahrungen mit der Kunstinstallation „Kras û Fistan“ und andere Arbeiten machen. Was ich persönlich sehr interessant und spannend fand, war der Umgang der Besucher:innen vor Ort mit der Kunst. Mir ist bewusst geworden, dass die Auseinandersetzung mit den Arbeiten sehr oberflächlich sein können, bei genauerem Hingucken die Installationen viele Ebenen ansprechen. Gerade in unserem Fach ist es wichtig, Gelehrtes, Gelesenes und Theorien nicht einfach hinzunehmen, sondern kritisch zu hinterfragen, zu untersuchen und weiterzuentwickeln. 

 

Wird es weitere ähnliche Veranstaltungen von der Fachschaft geben? 

R: Die Fachschaft plant bereits weitere Vorträge und Projekte für das kommende Semester. Die Erfahrungen in diesem Semester haben uns gezeigt, dass sowohl Studierende als auch Dozent:innen großes Interesse dazu haben und dass das Zoom-Format hilft, Interessierte auch außerhalb unserer eigenen Uni zu erreichen. 

!Die Veranstaltung mit Havin Al-Sindy findet am 20.5. um 16:00 Uhr per Zoom unter der Meeting-ID: 977 2254 7228 und mit dem Kenncode: eF0Q7s statt.  

                      :Leon Wystrychowski