Antisemitismus-Workshop der Grünen Jugend
„Juden und Radfahrer sind an allem Schuld!?“
Foto: CC-BY 2.5 Switzerland by Piratenpartei Schweiz
Fragwürdige Symbolik: Struktureller Antisemitismus erstreckt sich von ganz rechts bis ganz links. In der Alltagspraxis konnten die TeilnehmerInnen die vorangestellte Theorie wiederfinden.Foto: CC-BY 2.5 Switzerland by Piratenpartei Schweiz
Fragwürdige Symbolik: Struktureller Antisemitismus erstreckt sich von ganz rechts bis ganz links. In der Alltagspraxis konnten die TeilnehmerInnen die vorangestellte Theorie wiederfinden.

Politische Bildung. Unter diesem exklamatorischen Titel lud die Grüne Jugend Bochum am 29. Juni zum Workshop ins Grüne Büro in Bochum. Das Thema: Antisemitismus und der gegenwärtige Umgang mit einem totgeglaubten Phänomen.

„Der Antisemitismus ist das Gerücht über die Juden“, schrieb Adorno zwischen 1944 und 1947 im kalifornischen Exil in der „Minima Moralia“. 70 Jahre später: Die verzögerte Ausstrahlung der Dokumentation „Auserwählt und ausgegrenzt“ (:bsz 1130) führte vor Augen, dass Antisemitismus auch heutzutage mit Verdrängungsmechanismen verarbeitet wird. 

„Zu glauben, Antisemitismus trete heute nicht auf, ist schlichtweg naiv“, findet auch Katharina Weiler, Koordinatorin des Arbeitskreises (AK) Shalom der Grünen Jugend NRW. Gemeinsam mit Koordinator Niklas Haarbusch leistet sie politische Bildungsarbeit und bietet Workshops wie diesen im Grünen Büro an.

Primär, sekundär und strukturell

„Antisemitismus richtet sich gar nicht primär an den einzelnen Menschen, sondern die Existenz der Juden selbst wird als Ursache von kulturellen, wirtschaftlichen oder politischen Problemen ausgelegt“, so Koordinatorin Weiler in das Thema einleitend. Gefolgt von der Einführung in die Theorie: Während sich primärer Antisemitismus gegen Jüdinnen und Juden als Kollektiv richtet und sie mit Klischees wie Habgier, Weltverschwörung und Feigheit bedient, seien die neueren Formen subtiler. 

Unter dem Leitsatz „Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen“ wird deutlich, was man unter sekundärem Antisemitismus verstehe: die Relativierung oder Leugnung des Holocaust. Diese Form von Schuldumkehr und Geschichtsrevisionismus sieht auch Koordinatorin Weiler kritisch: „Wenn man Gaza mit KZs vergleicht, lässt es sich natürlich mit der eigenen Geschichte leichter leben.“ 

Koordinator Haarbusch hingegen erklärte, in welcher Form Antisemitismus „besonders im linken Spektrum“ auftauche: „Struktureller Antisemitismus knüpft an regressive Kapitalismuskritik an und sieht die Weltgeschichte als monokausales Top-Down-Modell. Die großen ‚Strippenzieher‘ hinter allem.“ So funktioniere beispielsweise Antiamerikanismus über Chiffre als moderne Version von Antisemitismus: „Ostküsten- oder Finanzkapital, Israellobby“ – neue Begriffe, denen altes Gedankengut innewohnt. „Kritik an Kapitalismus und auch Banken ist ja legitim. Nur die Menschen sind darin ja nicht das Problem, sondern die Regulierung.“ 

Hoffentlich häufiger

Obschon die Erfahrungen aller TeilnehmerInnen ein breites Spektrum aufweisen, ist nach dem Workshop der Gesprächsbedarf aller gedeckt: von Adorno und verkürzter Kapitalismuskritik zurück zur Grundfrage „Was ist eigentlich der Nahost-Konflikt?“ 

Positiv aufgenommene Veranstaltungen wie diese beweisen, wie hoch das Bedürfnis nach adäquater Aufarbeitung und Reflexion ist. „Die große Problematik an strukturellem Antisemitismus ist, dass solche Äußerungen gar nicht zwangsläufig antisemitisch gemeint oder gewollt sind“, erklärt Koordinator Haarbusch. „Verschwörungstheorien oder Antiamerikanismus bergen aber die Gefahr, antisemitischen Denkstrukturen zu gleichen und andere Menschen in ihrer Überzeugung zu bestärken“, so Haarbusch weiter. Gerade das subtile Auftreten von Antisemitismus bedürfe geeigneter Aufklärung, bevor auch diese Denkmuster wieder stammtischtauglich werden. 

:Marcus Boxler