Kampf um "Kulturgut"
Auf in den Krieg
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Nicht nur Infektionstreiber, sondern auch Schlachtfeld im neusten Kulturkampf: Die Weihnachtsmärte.

Kommentar. Rechte sehen die deutsche Kultur in Gefahr, und wittern einen Krieg gegen Weihnachten. Mit der Realität hat das alles wenig zu tun.

Endlich wieder Krieg. Wenn es in den Innenstädten nach Glühwein und Lebkuchen riecht, die rot-grün-weiße Deko in den Läden dieses Landes hängt, wenn mit glitzernden Kugeln behangene Bäume an jeder Ecke auftauchen und Michael Bublé, Mariah Carey und Wham! durch die Radiosender pirschen, dann ist es soweit: Weihnachten. Ach, Ihr wollt besinnliche Tage mit der Familie verbringen? Die Geburt des Messias feiern? Geld, was Ihr nicht habt, für Geschenke ausgeben, die niemand will, für Leute, die Ihr nicht mögt? Euch im Glühweinrausch auf dem Weihnachtsmarkt mit dem Coronavirus anstecken? Da habt ihr euch zu früh gefreut, denn der neuste Trend aus den USA und Großbritannien hat es sich unter uns bequem gemacht. Der Krieg gegen Weihnachten. Und wie in jedem Krieg sind die Opferzahlen tragisch, die Waffen und das Vorgehen brutal. 

Jetzt aber mal zu den Fakten: Der „Krieg gegen Weihnachten“ (unprofessionell von mir übersetzt von „War on Christmas“) ist eine konservative bis rechtsextreme Verschwörungstheorie, die darauf abzielt, den Menschen der Mehrheitsgesellschaft in christlich geprägten Ländern vorzumachen, dass es einen Angriff auf ihre Identität, ihre Kultur, ja, ihr Leben an sich gibt. Wer laut den Erzähler:innen dieses Propaganda-Mythos dahintersteckt, unterscheidet sich von Erzählung zu Erzählung: Manchmal sind es die linksgrünen Politiker:innen, der politisch korrekte Mob und manchmal halt ... naja, ihr wisst schon, die, die bei solchen Erzählungen schlussendlich immer hinter allem stecken, die man aber mittlerweile nicht mehr beim Namen nennt, weil man sonst nicht mehr so gut abstreiten kann, dass man Antisemit ist. Das Ziel ist jedoch klar: Diese Kräfte wollen uns Weihnachten wegnehmen, das ist das, was uns suggeriert wird. Hinweise darauf sehen die rechten Propagandist:innen überall: Leute wünschen „Frohe Feiertage“ statt „Frohe Weihnachten“, „Weihnachtsmärkte“ heißen von nun an „Wintermärkte“ und ganz aktuell: Die EU will uns verbieten „Weinachten“ zu sagen. Letzteres ist genau wie alles an dieser Erzählung eine Lüge, und basiert auf Leitfäden der EU-Gleichstellungskommissarin. Worum es tatsächlich ging: Die Sprache der EU-Kommission soll kritisch hinterfragt werden, auch in Hinsicht auf die Wertschätzung aller, unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Religion, Weltanschauung et cetera. Um das zu erreichen, soll aus der vollen Vielfalt an Traditionen geschöpft werden, statt nur aus christlicher, und diese Vielfalt soll auch in Text und Sprache berücksichtigt werden. Was der rechte Propaganda-Zug, auf den die üblichen Zeitungen, Parteien und kirchlichen Vertreter:innen daraus machen: „Weihnachten sagen ist verboten“, „Maria und Josef sagen ist verboten“, „(((SIE))) wollen uns unser Weihnachtsfest wegnehmen“, „Das ist der Beweis für den großen Austausch“, „Europa schafft sich ab“. Der eigentliche Krieg, der hier geführt wird, ist ein von Rechts konstruierter Kulturkampf, bei dem sich Konservative und vermeintlich Liberale, sowie Christ:innen und Rechtspopulist:innen in eine Reihe stellen mit Faschist:innen. Denn für nichts ist man sich zu schade, wenn es darum geht, die eigene Kultur gegen Angriffe von außen zu schützen. Auch wenn diese Angriffe an den Haaren herbeigezogene Propagandalügen sind, die seit Jahren schon besonders durch die anglophone Welt geistern, und an die man in Deutschland natürlich gern anknüpft. Dafür, dass der Krieg gegen Weihnachten schon so lange geführt wird, gab es bisher noch erstaunlich wenige Gefechte, die es aus den Köpfen der Rechten auch in die Realität geschafft haben.

:Jan-Krischan Spohr