Plus-Size-Models erobern die Modebranche
Besser zu viel als zu wenig
Foto: Yank - The Army Weekly / wikimedia commons
Sheila Ryan verkörperte ein gesünderes Schöheitsideal als das auf den heutigen Laufstegen. Foto: Yank - The Army Weekly / wikimedia commons
Sheila Ryan verkörperte ein gesünderes Schöheitsideal als das auf den heutigen Laufstegen.
(Jacq) Kurven statt Knochen! Immer mehr DesignerInnen wählen „Plus-Size-Models“ zu ihren Musen – auf den Laufstegen gibt es nach der langen Dürrezeit also wieder ‚mehr‘ zu sehen und das Bild der Magermodels wird der Modewelt allmählich verwiesen. Dürfen wir zu guter Letzt drei Kreuze machen?
 
Sie liegen mittlerweile mehr als ein halbes Jahrhundert zurück: Die 50er – die Ära der Kurven stellt mit dem vorherrschenden Schönheitsideal von traumhaft üppigen Sanduhrenfiguren in den Augen vieler den Höhepunkt der Weiblichkeit dar – im Vergleich zu heute zudem ein gesünderes Ideal. Bereits zum Ende der 40er galt die US-amerikanisch-britische Filmschauspielerin Elizabeth Taylor als Schönheitsideal. Warum entpuppte sich der einstige Teenagerstar damals zu einem der berühmtesten Sexsymbole des 20. Jahrhunderts? Dem Hüftschwung sei Dank! Elizabeth Taylor trug in ihrer Blütezeit Kleidergröße 40/42. Nach und nach betraten dann mehr und mehr Kurvenwunder die Weltbühne. Niemals wird unsere Erinnerung an den Bombshell-Star Sophia Loren, an die Schauspielerin Jayne Mansfield, an das erste bekannte Bondage- und Fetischmodel Bettie Page, geschweige denn an die Legende – das fortwährende Aushängeschild sinnlicher Weiblichkeit – an die Filmikone Marilyn Monroe verblassen.

Wer ist die Dünnste im ganzen Land?

Endlich erwacht die Model-Landschaft nun wieder aus ihrer Ohnmacht. Die letzten Jahre klapperten die sogenannten Magermodels über die Laufstege: Streichholzbeine, size zero und herausstechende Rippen galten und gelten leider immer noch als „erstrebenswert“. Und das nicht nur für Mannequins: Was ist mit dem 14-jährigen „Germany’s next Topmodel“-Fan, der jeden Tag aufs Neue vorgesetzt bekommt – sei es auf Plakaten, in Magazinen oder im Fernsehen – wie er auszusehen hat, um als „schön“ zu gelten? Bereits mehrere Studien bewiesen, was für einen schädlichen Einfluss das verbreitete Schlankheitsideal der Massenmedien auf Kinder und Jugendliche hat. Beispielsweise wurde 2009 vom Internationalen Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen des Bayerischen Rundfunks – kurz IZI – eine Studie durchgeführt, in der knapp 1.200 Kinder und Jugendliche zwischen neun und 21 Jahren befragt wurden, wie sie zu ihrem Körper stehen. Die Studie „Castingshows und ihre Bedeutung für Kinder und Jugendliche“ ergab, dass sich tatsächlich ein Großteil der Pubertierenden ihrem Körper kritisch gegenüber zeigen. 80 Prozent der befragten 9- bis 19-jährigen stimmten zudem zu, dass Heidi Klum ein großes Vorbild sei. Die Ergebnisse decken sich mit denen der „Dr. Sommer-Studie“ vom selben Jahr: Jene bewies, dass, obwohl 80 Prozent der Mädchen normalgewichtig sind, die Hälfte von ihnen nicht mit ihrem Körper zufrieden sei.

Später Umschwung

Doch der Tod von Luisel Ramos, Eliana Ramos, Ana Carolina Reston Macan sowie der von Isabelle Caro haben einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen: Sie alle waren Models, sie alle sind an ihrem Magerwahn gestorben. Für die Modebranche wird es immer schwieriger, die Augen vor diesem gesellschaftlichen Trauerspiel zu verschließen. Kommt jetzt endlich der längst überfällige Umschwung? Dafür spricht unter anderem der rasant ansteigende Erfolg der sogenannten Plus-Size-Models. Immer mehr Augen richten sich auf die kurvigen Augenweiden, wie zum Beispiel auf die Tochter des Aerosmith-Sängers Steven Tyler, Mia Tyler. Oder auf die Australierin Robyn Lawley – das erste Plus-Size-Model, welches vom weltweit bekannten Modedesigner Ralph Lauren gebucht wurde. Seit die italienische Vogue im Juni 2011 mit Letzterer sowie mit Tara Lynn und Candice Huffine – ebenfalls begehrte Plus-Size-Models – betitelt war, ziehen immer mehr einflussreiche Modeunternehmen nach.

Neue Ethik tut Not

Mittlerweile haben sich zahlreiche DesignerInnen, Modeverbände und Modewochen-VeranstalterInnen dazu entschlossen, in Zukunft auf untergewichtige Models zu verzichten und in Israel trat sogar zu Anfang des Jahres ein Gesetz in Kraft, welches vorschreibt, dass Models einen Body-Mass-Index von mindestens 18,5 haben müssen. Bleibt zu hoffen, dass andere Länder und Modemetropolen diesem vorbildlichen ersten Schritt in die richtige Richtung folgen.