Harmful Humour
Der Preis des Sarkasmus
Bild: stem
Die PARTEI: Clowns oder nur noch trauriger Witz?

Kommentar. Wir sind zu geübt darin, auf ernste Themen reflexiv mit Ironie und Sarkasmus zu antworten. Ein aktueller Ausfall von PARTEI-Politiker Martin Sonneborn verdeutlicht das.

Es ist nicht das erste Mal, dass sich Martin Sonneborn, Bundesvorsitzender von „Die PARTEI“, rassistisch äußert. Nun war es ein T-Shirt, auf dem mit einem Aufdruck Südostasiat:inne n stereotypisiert wurden. „Au Widelsehern, Amlerika! Haben sie Guter FrLug runtel! Printed in China Bu De PALTE!“ hieß es auf dem Shirt. Neben breiter Kritik ist in der Zwischenzeit auch der prominente PARTEI-Vertreter Nico Semsrott aus der Partei ausgestiegen, woraufhin Sonneborn ein halbgares Statement veröffentlichte, dass wie viele seiner Art nicht den eigenen Fehler anerkennt, sondern sich lediglich dafür entschuldigt, dass die Wirkung nicht erfolgreich war.
Neben Sonneborns persönlicher Unfähigkeit, ein zeitgemäßer, nicht-rassistischer Satiriker und Parteivorsitz zu sein, verdeutlicht die Episode ebenfalls das Grundproblem der PARTEI. Die Zeit, in der sie einen Beitrag zur politischen Landschaft leistete, ist vorbei. Der Grund ist einfach: Der moderne Grundzustand, insbesondere in den „sozialen“ Medien, ist übertriebene Ironie und nihilistischer Sarkasmus. Alles ist dumm und nichts kann mehr ernst genommen werden. Das Projekt nach dem Modell von South Park ist geglückt – zum Nachteil der Gesellschaft, in der eine aufrichtige Auseinandersetzung mit politischen Strukturen mit Zynismus geantwortet wird. Viele PARTEI-Politiker:innen und selbst Sonneborn haben das bereits anerkannt und verfolgen mittlerweile auch ernstere Inhaltspolitik, scheitern dabei jedoch an einer gemeinsamen, inneren Linie, die über Comedy hinaus geht.

Es ist jedoch auch wichtig, sich den Auslöser dessen, worüber sich Sonneborn mit dem T-Shirt lustig machen wollte, anzusehen: Die Attacke auf das US-Kapitol. Ähnlich wie es Sonneborn tat, war ein erster Impuls vieler, sich über die Absurdität der Attacken lustig zu machen. Über die fellbemantelten, hornversehenen, kriegsmalerisch beschminkten Möchtegern-Krieger:innen und Militär-Rollenspieler:innen. Doch diese Verhöhnung hat darüber hinweggetäuscht, dass etwas gleichzeitig lächerlich und gefährlich sein kann. Noch während der Attacke haben die absurden Bilder der „stupid revolution“ deshalb die Meldung übertönt, dass neben den Zentralen der Demokratischen und Republikanischen Partei aktive Rohrbomben gefunden wurden. In den darauffolgenden Tagen wurde das Bild davon, wie nahe die USA einem Massaker entkommen sind, das neben den fünf Verstorbenen auch das Leben von demokratisch gewählten Vertreter:innen gefordert hätte. Rufe wie „Hang Mike Pence!“. Galgen, die vor dem Kapitol errichtet worden. Ein Van, der mit Sprengstoff und Munition beladen war. Und das reine Glück, dass es zu keiner offenen Konfrontation kam, weil ein Polizist die Masse von dem Plenarsaal weglockte oder weil die Terrorist:innen nicht die Tür zu einem Nebenbüro öffneten, unter dessen Tischen sich das Personal versteckte, während nebenan die Verwüstung zelebriert wurde. So wie die absurd wirkenden Attacken gleichzeitig lächerlich und brandgefährlich sein können, ist auch der Impuls, Politik als zynisches Machtspiel, dem nur mit Hohn begegnet werden kann, in einem anderen – wenn auch geringeren – Maße gefährlich.

Im Anschluss auf die Kapitol-Attacke bin ich auf ein Zitat des Autors Kurt Vonnegut gestoßen: „Wir sind das, was wir vortäuschen zu sein, also müssen wir vorsichtig sein, was wir vortäuschen zu sein.“ Wenn Rechtsextreme vortäuschen, blutrünstige Krieger:innen und skrupellose Soldat:innen zu sein, dann stellt sich die Frage, was Sonneborn und die PARTEI sein möchten, wenn sie vortäuschen, witzig zu sein.

:Stefan Moll

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