Ein Besuch in der europäischen Kulturhauptstadt 2015, Plzeň in Tschechien
Der Urquell der Freude
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Abstieg in die Unterwelt: Bei der Führung durch die Urquell-Brauerei ging es tief in die Katakomben von Plzeň. Foto: mar
Abstieg in die Unterwelt: Bei der Führung durch die Urquell-Brauerei ging es tief in die Katakomben von Plzeň.

Es ist das Mekka für BierliebhaberInnen: Vor über 170 Jahren gründeten BürgerInnen einer westböhmischen Stadt eine Brauerei. Diese bekam  mit dem ersten hellen Lagerbier innerhalb kürzester Zeit internationale Bedeutung. Heute weiß wohl jedeR, was ein „Pilsener“ oder „Pils“ ist, aber dass Pilsen oder Plzeň, wie es heute heißt, im Jahr 2015 europäische Kulturhauptstadt war, hat hierzulande kaum jemand mitbekommen. Vier Jahre, nachdem ich mit dem Organisationsteam von Plzeň 2015 gesprochen hatte, stattete ich der Stadt und der Urquell-Brauerei einen Besuch ab. Fazit: Meine Kritik an Ruhr.2010 wurde berücksichtigt, und die Brauerei ist eine Pilgerreise wert.

Die viertgrößte Stadt der tschechischen Republik hat eine bewegte Geschichte: Im Spätmittelalter gegründet, entwickelte sie sich schnell zu einem oft umkämpften Handels- und Handwerkszentrum und in der Neuzeit sogar zu einer der wichtigsten Industriestädte Österreich-Ungarns. Dass die Stadt den vielen Belagerungen standhalten konnte, hat sie unter anderem einem komplexen unterirdischen Keller- und Tunnelsystem zu verdanken, in dem Lebensmittel und Menschen sicher vor den Kanonen und Katapulte der Feinde waren.

Diese Katakomben können heute besichtigt werden; nicht nur ist der Plzeňer Untergrund an sich spannend, bei einer Führung erfährt man auch alles Wichtige über die Geschichte der Stadt.

Die besagte Brauerei, die das weltberühmte Pilsner Urquell und das köstliche Gambrinus produziert, ist als Sponsor für die kulturelle Vielfalt der Universitätsstadt verantwortlich und mit dem Untergrund verbunden. Für nicht einmal 10 Euro Eintritt kann man sich durch Abfüllanlage, historisches und neues Sudhaus sowie die eindrucksvollen Kelleranlagen führen lassen. Ein Erlebnis, das allen LiebhaberInnen des Gerstensaftes die Tränen der Ehrfurcht und der Freude in die Augen treibt – auch wenn die Verköstigung mit zwei Bechern unfiltrierten Biers etwas mager ausfällt.

Und die Kulturhauptstadtsache?

Das Kulturhauptstadtjahr ist nun fast vorbei; es finden nur noch wenige Veranstaltungen statt. Außerhalb Tschechiens hat kaum jemand etwas davon mitbekommen, 60 Prozent der BesucherInnen im ersten halben Jahr kamen aus Plzeň selbst.

Die OrganisatorInnen haben aber nicht den gleichen Fehler gemacht wie die Ruhr.2010-Leute: Statt einer Industriestadt künstlich Hochkultur aufzupropfen, wurden die EinwohnerInnen miteinbezogen. Es gibt eine ganze Reihe von Projekten, welche die „geheime Stadt“ vorstellen, Geheimtipps und Alltagskultur. Darum bleibt Plzeň auch 2016 eine Reise wert.

:Marek Firlej

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