Neue Debatten über ein Pflichtjahr
Die verkorkste Jugend
Bild: bena
Alt und Jung zusammenbringen oder doch nur günstige Arbeitskraft? Die Diskussionen ums Soziale Jahr starten wieder.

 Alle Jahre wieder fängt das kollektive Schimpfen über die jungen Menschen an. Zu faul, zu unsozial, zu was auch immer. Anstatt in einen wirklichen Diskurs mit der besagten Gruppe zu gehen, wird wieder fremd entschieden. Aber das ist eben auch das beste Wirtschaftsmodell! 

Ja, die Jugend von heute. Meine Oma sagte mir das schon. Die durfte sich das auch schon von ihrer Oma anhören. Dieser Spruch hat so einen krassen Bart, man könnte ihn glatt mit Rapunzels Haarpracht verwechseln. Nun sind sie wieder am Diskutieren. „Macht doch mal was für die Gemeinschaft“. „Kommt in Kontakt mit den Alten!“ „Ein verpflichtendes Soziales Jahr hat niemandem geschadet.“ Ja, I get it! Und ich spreche auch nicht ab, dass der Zivildienst den Leuten, die ihn antreten mussten, was gebracht hat. Aber was bringt dieses Fremdbestimmte, wenn einige lieber Scheuklappen tragen? Was haben die „Jugendlichen“ in den letzten Jahren gemacht? Quasi nichts! Naja, wenn es nach einigen Entscheider:innen geht. Es ist ja nicht so, dass wir eine Sache diskutieren, die sich noch nie in Deutschland etabliert hatte. 1938 richtete es sich primär an Frauen beziehungsweise an „Mädchen“. Das „Pflichtjahr“ verpflichtete sie in der Land- oder Hauswirtschaft zu arbeiten. Dieses stand in Konkurrenz zum 1934 konzipierten „Landjahr“ der Weimarer Republik. Dies war eine Bezeichnung für ein arbeitsmarktpolitisches Angebot für Jugendliche. 1935 gab es dann den Reichsarbeitsdienst, welcher ein wichtiger Bestandteil der Wirtschaft im nationalsozialistischen Deutschland war. Nein, ich möchte hiermit nicht auf etwaige Propaganda-Methoden eingehen, sondern viel mehr auf die „billige Arbeitskraft“, die der Wirtschaft helfen kann. So funktionierte auch der Zivildienst. Er war die häufigste Form des Wehrersatzdienstes. 20 Monate lang wurden männliche Personen für Tätigkeiten im sozialen Bereich eingesetzt, wie etwa in Krankenhäusern, Jugendhäusern, Altenheimen, im Rettungsdienst bzw. Krankentransport sowie in der Behindertenbetreuung. Seit dem 31. Dezember 2011 gib es diesen in dieser Form nicht mehr und wurde durch den Bundesfreiwilligendienst beziehungsweise durch das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ) ersetzt. Ersteres ist offen für alle Menschen jeden Alters, letzteres nur für Menschen unter 27 (Jugendliche) gedacht. 

Also here we go again! Diskutieren wir gerade darüber, dass wir ein wirkliches Miteinander wollen oder wollen wir wieder Menschen in Jobs haben, die gerade unterbesetzt sind? Soll sich das nur an junge Menschen richten? Unser Bundespräsident schrieb in der Bild am Sonntag: ,,Man kommt raus aus der eigenen Blase, trifft ganz andere Menschen, hilft Bürgern in Notlagen. Das baut Vorurteile ab und stärkt den Gemeinsinn.“ Wo werden diese Vorurteile dann abgebaut? Und wird es sich nur auf Generationen beziehen? Was ist mit den Müttern, die unsichtbare Carearbeit leisten? Mit den großen Geschwistern in migrantischen Familien, die ihre Geschwister mit großziehen, da ihre Eltern mehrere Jobs haben? Das erscheint mir alles ein wenig nicht-durchdacht und eben auch klassistisch. Denn gehen wir von den Standardjobs aus, die gerade diskutiert werden, wie zum Beispiel die Altenpflege: Ein soziales Pflichtjahr sorgt hier nicht dafür, dass eine ausgebildete Pflegekraft besser bezahlt wird. Es führt vielmehr dazu, sich lieber sieben FSJler:innen in die Einrichtungen zu holen und dann weniger ausgebildete Fachkräfte zu „brauchen“! Die Jugend, von der immer gesprochen wird, die faul sei und nichts tue, hat in den letzten zwei Jahren dafür gesorgt, dass Testzentren besetzt waren, dass im Gesundheitsamt ausgeholfen wurde oder saß an der Supermarktkasse. Nebenbei organisierten sie sich selbst Nachhilfe, Laptops für Klassenkamerad:innen oder Kommiliton:innen und, und, und. Aber das Schimpfen über andere ist eben einfacher, als zu sehen, dass man selbst versagt hat. Vielleicht könnte man ja grundsätzlich über neue Schwerpunkte in Schulen sprechen, dann würden sich auch einige nach dem Schulabschluss nicht so lost fühlen. Aber hey, spätestens wenn die Wirtschaft es braucht und auf billige Arbeitskräfte angewiesen ist, wird es dieses Jahr geben!

                :Abena Appiah