Bachtyar Alis „Der letzte Granatapfel“: Vater-Sohn-Roman vor historischem Hintergrund
Gesichter einer Tragödie
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Spannendes Vorlesen: Helge Salnikau haucht den Figuren aus „Der letzte Granatapfel“ mit Stimme, Gestik und Mimik Leben ein. Foto: lor
Spannendes Vorlesen: Helge Salnikau haucht den Figuren aus „Der letzte Granatapfel“ mit Stimme, Gestik und Mimik Leben ein.

Es war einmal ein Mann, der sich nach 21 Jahren Haft auf die Suche nach seinem Sohn gemacht hat. Letzterer kann daran erkannt werden, dass er einen gläsernen Granatapfel besitzt. Aus der Suche nach dem Sohn wird eine Begegnung mit einer irakisch-kurdischen Jugend, die als verloren bezeichnet wird. Im Bahnhof Langendreer lasen vergangene Woche Autor Bachtyar Ali und Schauspieler Helge Salnikau aus Alis „Der letzte Granatapfel“. 

Schon 2003 hat der kurdische Autor Bachtyar Ali sein Werk „Der letzte Granatapfel“ verfasst: Darin zeigt Ali anhand der Suche eines Vaters nach seinem Sohn vor der jüngeren irakisch-kurdischen Geschichte, wie verschiedene Generationen mit Zusammenbrüchen von Gesellschaften, mit Tod und Zerstörung umgehen: Der ehemalige Peshmerga-Kämpfer Muzaferi Subhdan wird nach 21 Jahren Einzelhaft frei gelassen und macht sich in den zwei Stunden der Lesung im Bahnhof Langendreer auf die Suche nach seinem Sohn Saryasi. Das Problem: Drei junge Männer werden so genannt. Alle gehören zur verlorenen Generation, die mit den Folgen der Taten ihrer Väter leben müssen. Wie sie dies tun, ist zutiefst unterschiedlich. Die ultimative Frage, die Ali stellt: Wie soll man mit Schuld umgehen, mit der Verantwortung, die daraus auch für die folgenden Generationen entsteht?

Unentdecktes Juwel

Bachtyar Ali, geboren 1960 in der heutigen Autonomen Region Kurdistan im Irak, lebt bereits seit den Neunzigern in Deutschland. Der Literat und Intellektuelle, dessen Werke vornehmlich die Themen Exil und Flucht behandeln, publizierte bisher auf Sorani. „Der letzte Granatapfel“ ist sein erster übersetzter Roman. Neben diesen gehören auch Gedichte und Essays dazu zu seinem Repertoire. Wie Moderatorin Michela Kleinhaus, Leiterin des Landesspracheninstituts der RUB „Arabicum“, zusammenfasst: „Bachtyar Ali ist ein Star in der kurdischen Literaturszene“. Die Übersetzung eines seiner Romane 2016 sei demnach längst überfällig gewesen.

Rettung als Lösung

Im Laufe des Abends las Helge Salnikau, Schauspieler am Prinz-Regent-Theater, aus drei von Ali ausgewählten Kapiteln, die zwei Dinge zeigten. Zum einen, dass es inmitten menschlicher Gräueltaten nicht nur einen weißen und einen schwarzen Weg gibt. Man kann auf diverse Wege mit dieser Situation umgehen – im Roman personifizieren die Söhne des Granatapfel-Protagonisten ebendiese Wege. Zum anderen macht Ali deutlich, dass die Rettung der Moral oder der Gesellschaft eine Aufgabe ist, derer man sich – zumindest im Roman – verantworten soll und muss. Muzaferi findet am Ende nicht nur einen, den eigenen Sohn, sondern nimmt die Verantwortung für alle verlorenen Söhne an. Denn deren Rettung sei der Schlüssel zur Lösung des Generationenkonflikts. 

:Andrea Lorenz

Infobox

Bachtyar Ali: Der letzte Granatapfel

Unionverlag

352 Seiten

22 Euro