„Rauschpilze“: Funguskulte damals und heute
Gottes Penis und Rabenbrot
Cover: Nachtschatten-Verlag
Geschichten über Mayakönige, sibirische Schamanen und heutige Junkies: „Rauschpilze. Märchen – Mythen – Erfahrungen“ Cover: Nachtschatten-Verlag
Geschichten über Mayakönige, sibirische Schamanen und heutige Junkies: „Rauschpilze. Märchen – Mythen – Erfahrungen“

Knallrot und auffallend: Der Fliegenpilz. Auf wen übt Amanita muscaria bei jedem Waldspaziergang nicht diese gewisse Faszination aus? Dass sie sich aber durch viele Kulturen zieht und dass den rotweißen (und anderen) Schwämmen bisweilen göttlicher Ursprung zugeschrieben wird, ist vielseitig nachzulesen im Sammelband „Rauschpilze“, der kürzlich im Nachtschatten-Verlag erschienen ist. Der Titel verrät, dass Pilzkulte aber nicht allein durch das Aussehen der Sporenträger begründet sind …

Da gibt es dieses Gemälde von Dierick Bouts, auf dem dem biblischen Elias ein Engel erscheint und ihm zu essen und zu trinken gibt. „Brötchen und Becher sind unverfänglich in Pilzform arrangiert“, analysiert Edzard Klapp in einem Aufsatz. Und knüpft die Verbindung zur Bezeichnung „Rabenbrot“ für den Fliegenpilz.

Ist die Verknüpfung von unverhoffter Mahlzeit durch geflügelte Wesen und Gotteserscheinung weit hergeholt? Klapps Beiopiele sind mal mehr, mal weniger plausibel. Doch mal ehrlich: Kulturwissenschaftliche Analysen argumentieren oft ähnlich; dieses Buch hat bloß weniger Fußnoten. So bleibt es einem selbst überlassen, was man von diesen Analysen hält.

Was hängen bleibt: Pilzkulte finden sich nicht nur bei sibirischen Schamanen oder bei den Mayas (dafür liefert das Buch einige Bildbelege), sondern spielen auch in europäischen Sagen, Mythen und Märchen über Jahrhunderte eine Rolle. Oft wird ihnen eine „magische“ Wirkung zugesprochen – die sich Menschen bis heute zunutze machen. Sie nennen die Wirkung statt magisch dann psychoaktiv.

Früher Visionen, heute Trips

Der Grundton der Beiträge im Buch ist: Faszination. Für die Wirkung und für die Geschichte. Und auch für die dunklen Seiten: Horrortrips und der toxischen Wirkung sind ebenfalls Aufsätze gewidmet.

Das Buch ist für Einsteiger weniger geeignet, aber wer nach unserem Drogenreihe-Beitrag über Magic Mushrooms in der vergangenen Ausgabe Interesse gefunden hat, sollte mal reinschauen.

:Marek Firlej

Wolfgang Bauer, herman de vries, Katja Redemann (Hg.):

„Rauschpilze. Märchen – Mythen – Erfahrungen“

Nachtschatten-Verlag, 2015

304 Seiten, 32,80 Euro

 
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