Studierende der RUB inspizieren die Scientology-Kirche in Düsseldorf
(Keine) Angst vor Psychokulten
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:bsz in Gefahr: Reporter Marek Firlej wagt sich an ein Elektropsychometer. - Foto: mar
:bsz in Gefahr: Reporter Marek Firlej wagt sich an ein Elektropsychometer.

Die Studentin sitzt im „Auditing-Raum“, ihre Hände umklammern zwei metallene Zylinder, die mit dem merkwürdigen Gerät auf dem Tisch verbunden sind. „Denken Sie an Ihren letzten Prüfungsstress“, sagt die Instruktorin. „Sehen Sie, wie es ausschlägt?“, fragt sie und deutet auf die Skala des Gerätes. „Das E-Meter registriert die negativen Veränderungen Ihres geistigen Zustandes.“ Die Enquete-Kommission des deutschen Bundestages bezeichnete das Gerät als „wissenschaftlich wertlos“. Auch bei den anderen anwesenden Studierenden herrschen Zweifel: „Ich hab doch erst überlegt, wann meine letzte Prüfung war“, sagt die Studentin. Doch die Instruktorin, Claudia Uhl, ist überzeugt, dass das Scientology-Gerät funktioniert.

Zumindest nach außen muss sie davon überzeugt sein, denn Claudia Uhl ist Pressesprecherin der Scientology-Kirche in Düsseldorf; die Studierenden sind TeilnehmerInnen einer Exkursion, die der Fachschaftsrat Religionswissenschaft vergangene Woche organisiert hat, damit sich die angehenden ReligionswissenschaftlerInnen ein eigenes Bild von dieser umstrittenen Organisation machen können. Handelt es sich um ein Unternehmen oder eine Kirche? Religion oder Psychokult?

Techno-Religion ersetzt Geistesmedizin

Die Auditing-Verfahren mit dem Elektropsychometer werfen viele Fragen auf – schließlich sind sie neben dem Studium der vielen Bücher des Scientology-Stifters L. Ron Hubbard die zentrale Methode, auf der Leiter geistiger Reinheit nach oben zu klettern. Je höher die Stufe, umso besser fühlt man sich, umso besser funktionieren Körper und Geist, wovon letztlich nicht nur der oder die Einzelne, sondern auch die gesamte Umwelt profitiert – so lautet jedenfalls das religiöse Versprechen von Scientology.

Bei einem Auditing sitzt eine Person an besagtem Gerät, dessen Anzeige nur für den/die AuditorIn, einem/einer ScientologIn höherer Stufe, sichtbar ist. Die Person der niedrigeren Stufe spricht sich, grob gesagt, den Kummer von der Seele. Damit auch Dinge ans Tageslicht treten, welche die Seele schon seit einem früheren Leben belasten, leitet der/die AuditorIn vom Ausschlag des E-Meter geführt das Gespräch in die entsprechende Richtung. Angeblich kann ein Auditing helfen, schwere Traumata auch von Vergewaltigungsopfern schlagartig zu überwinden. Eine Aussage, über die die Studierenden noch auf dem Heimweg ungläubig diskutieren werden.
Der Verfassungsschutz schreibt in seinem aktuellen Bericht: „In der Scientology-Ideologie gelten die Psychiatrie bzw. der gesamte Berufszweig der Psychiater als Feindbilder.“ Die Düsseldorfer Pressesprecherin hingegen stellt klar: „Wir sind nicht gegen Psychiatrie, wir sind dagegen, dass die Psychiatrie Menschenversuche macht und dass sie Menschen gegen ihren Willen wegsperrt und ihnen alle Rechte nimmt.“ Sie erzählt von ihrem kürzlich verstorbenen Vater, der als Alzheimerpatient rechtlos in der Gewalt der ÄrztInnen gestanden hätte, hätte sie nicht eingegriffen.

Gefährlicher Jugend-Psychokult oder schnöde Glaubensgemeinschaft?

Die Ruhr-Universität Bochum hat bei Scientology einen Stein im Brett: Während die Medien oft reißerisch von Sekte oder Psychokult sprechen, Behörden immerhin von Organisation („Am besten gefällt mir Jugendsekte“, lacht Uhl, „unser Durchschnittsalter liegt bei um die 50!“), klassifiziert das RUB-Forschungsprojekt „Religiöse Vielfalt in NRW“ Scientology erstmals wissenschaftlich als „Neue religiöse Bewegung“. „Kontakte bauen Vorurteile und Ängste ab“, heißt es in der Ergebnispräsentation. Ganz vorurteilsfrei lässt es sich dennoch nicht zu Scientology fahren. Im RE nach Düsseldorf machten die wildesten Gerüchte die Runde – Lidl unter Scientology-Kontrolle, Gehirnwäsche, Verschwörungstheorien. Claudia Uhl stellt sich geduldig bei Kaffee und Keksen allen Fragen und lässt sich mit den gängigen Vorurteilen konfrontieren. Manche kann sie entschieden widerlegen: „Wir haben nichts gegen Schwule. Wir haben sogar schwule Mitglieder.“ Bei anderen Fragen windet sie sich gekonnt um eine Antwort herum.

Sind das alles nur Lippenbekenntnisse? Was kann eine Organisation tun, um ihr schlechtes Image loszuwerden? Darf sie das überhaupt? Mehr als drei Stunden dauerten die Führung und die mehr von Neugier als von Ressentiments geprägte Fragerunde. Das Bild, das den Studierenden gezeichnet wird, ist das einer normalen Religionsgemeinschaft mit all ihren Ritualen und Geheimnissen, dem Irrationalen und dem Widersprüchlichen, aber auch den Versprechen und der Faszination.

In dieses Bild mischt sich jedoch stets das Misstrauen: Sagt diese Frau die Wahrheit? Kann man wirklich problemlos aus Scientology austreten? Wo kommen dann diese ganzen Geschichten her? Warum schreiben die AuditorInnen jeden Seelenstriptease mit? Dass der Preis für die Lehren Hubbards (das Grundlagenwerk „Dianetik“ gibt es für etwa 15 Euro) exorbitant ansteigt – die Materialien über „den Aufbau des menschlichen Geistes“ kosten 210 Euro – macht Scientology als Religion unglaubwürdig, als Unternehmen aber kommerziell erfolgreich.
 

Ein Design wie Captain Nemo trifft Captain Future: Scientologysymbolik auf dem Infobildschirm. - Foto: mar
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