Herne: Kompromiss im Streit des Kopftuchverbots gefunden
Kopftuchverbot in der Uniklinik endet
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Symbolbild

Nach scharfer Kritik sieht die St. Elisabeth Krankenhausgruppe (SEG) von ihrem Kopftuchverbot ab und bietet sogar einen Kompromiss, sogar eine Lösung an.

Das St. Marien Hospital, welches zur katholischen St. Elisabeth Gruppe (SEG) gehört, wurde scharf für sein Kopftuchverbot kritisiert. Bei dem St. Marien Hospital handelt es sich um eine Einrichtung, welche dem Verbund der acht Universitätskliniken der Ruhr-Universität Bochum (RUB) angehört. Mit einem Statement im März gab die RUB zu verstehen, dass sich das Rektorat vom Kopftuchverbot ausdrücklich distanziert und lediglich mit den Krankenhäusern kooperiert, selbst aber nicht Träger ist. Ein Kopftuchverbot steht gegen die Bestrebungen der Universität, Diskriminierung zu reduzieren und zu verhindern. Diese Einstellung erwartet sie auch „von denen mit der Universität durch Kooperationsverträge verbundenen Institutionen“, laut der Prorektorin für Diversität Prof. Dr. Isolde Karle. Bereits mehrere Frauen mussten nun gezwungenermaßen das Praktikum oder ihren Dienst im Klinikum beenden. Dazu gehörte auch Melda, eine Praktikantin im St. Marien Hospital. Grund dafür ist ihr Kopftuch. Es stehe nicht im Einklang mit den Werten des Klinikums. Doch wie es scheint, hat der „Kopftuch-Streit“, der bereits seit einem Jahr läuft, denn schon Juli 2021 hat das Studierendenparlament der RUB die Aufhebung des Kopftuchverbots in den Kliniken der SEG angefordert, sein Ende gefunden. Die Krankenhausgruppe hat im Gespräch mit dem Fachschaftsrat und der Medizinischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum eine Lösung gefunden.
Genaueres zum Verlauf der Gespräche zur Konfliktlösung mit dem Klinikum haben wir im Interview mit Katharina M. Schicktanz, (Referentin für Hochschulpolitik und aktiv im medizinischen Fakultätsrat) und Emre Yavuz (FSR), die beide im Fachschaftsrat tätig sind, erfahren.

:bsz: Wann kam es zum ersten Kontakt mit der Klinik? Es sind ja jetzt mehrere Vorfälle in dem Krankenhaus geschehen. Wann konkret hat es angefangen?” 

Katharina: Das Krankenhaus hat von Anfang an etwas zögerlich, sag ich mal, mit uns kommuniziert. Die erste initiale Kontaktaufnahme ging von uns aus, weil wir uns eben beschwert haben, als sich Studentinnen bei uns gemeldet haben, die von Diskriminierungserfahrungen im Krankenhaus, also im St. Marien Hospital in Herne, berichteten. Darauf hat das Krankenhaus reagiert, in dem es uns einen Gesprächstermin angeboten hat. Aus dem Gespräch wurde dann aber relativ wenig.  Parallel dazu liefen die Verhandlungen mit den akademischen Lehrkrankenhäusern. (…) Danach haben wir lange Zeit nichts mehr gehört. Bis dann der Zeitungsartikel mit der Melda kam. Woraufhin wir dann gesagt haben: okay, das geht nicht. Dann haben wir uns nochmal in Kontakt gesetzt. Auf die Sache mit Melda kam sehr zügig der Vorschlag mit der Haube.  Die Haube war ein Entschluss des Krankenhauses. Darauf kam von Seiten der Studierendenschaft, dass die Lösung nicht in Ordnung wäre.  

 

Wurde denn die Beschwerde, dass die Haube nicht in Ordnung wäre, schnell umgesetzt oder hat das wiederum länger gedauert? 

Katharina: Das ging dieses Mal sehr schnell. Was wir auch sehr begrüßen. Darauf haben wir dann wiederum zügig – zügig heißt am selben Tag noch – reagiert und gesagt, dass das von unserer Seite aus nicht als akzeptable Lösung infrage kommt. Während dieser Zeit sind wir halt auch mit sechs oder sieben Kopftuchtragenden Studentinnen in Kontakt gewesen und haben das dann eben auch mit Betroffenen rückversichert.

 

Wie empfandet ihr die Zusammenarbeit mit dem Krankenhaus bezüglich dieses Problems? Hat das Krankenhaus angemessen reagiert?  

Katharina: Das ist erstmal natürlich ein großer Schritt für das Krankenhaus. Das muss man auf jeden Fall sagen. Das ist schon wirklich ein Schritt, dass die sich da drauf einlassen und sich ja auch Gedanken gemacht haben. Aber auch, dass es eben als Lösung nicht akzeptiert werden kann. Darauf haben sie dann auch zügig mit einem Gesprächstermin reagiert. Da wurde uns dann die endgültige Lösung vorgestellt, mit der wir durchaus zufrieden sind.

 

Entspircht die neue Lösung, Tuch statt Haube auch den Vorstellungen der Studierendenschaft?  

Katharina:  Das Krankenhaus hat gesagt, dass sie das Mitbringen von eigenen Kopftüchern aus hygienischen Gründen nicht gut finden, was wir auch absolut nachvollziehen können. (…) Solange man Menschen ermöglicht, ihre Kopfbedeckung zu tragen, finden wir das in Ordnung.

 

Die neue Lösung, die das Krankenhaus vorgeschlagen hat, ist ein  weißes rechteckiges Tuch mit dem Logo der SEG, welches von der SEG selbst finanziert werden soll. Dieses Klinik-Kopftuch soll allen Mitarbeiterinnen und Praktikantinnen, die ein Kopftuch tragen, zur Verfügung gestellt werden. Wie ist das Feedback zu der neuen Lösung? 

Emre: Die Bedeutsamkeit dieser Alternative zeigt sich, wenn man jetzt sieht, wie viele von dieser Kopftuchlösung Gebrauch machen. Gebrauch machen nämlich grade die von der Kopftuchlösung, die auf eine örtlich gelegene Arbeit angewiesen sind, wie zum Beispiel Pflegerinnen und Reinigungskräfte, die sich für ihre Familie opfern und das Kopftuch dann während der Arbeit bisher abgelegt haben. 

 

Die Universität hat ein Statement veröffentlicht. Wie empfindest du die Reaktion des Rektorats generell? Findest du, dass die Universität euch schon entgegengekommen ist oder war es mehr eine reine Bewegung der Studierendenschaft? 

Katharina: Wir haben während dieses gesamten Vorgangs komplett die Rückendeckung von unserer Dekanin Prof. Tannapfel und unserem Studiendekan Prof. Schäfer gehabt. Das Rektorat haben wir gar nicht von Anfang an mit eingeschaltet. Vom Rektorat kam dann aber auch, sobald wir uns ans Rektorat gewandt haben, eine positive und unterstützende Antwort.

 

Was war euch besonders wichtig während dieser Zeit in der die Gespräche liefen? 

Katharina: Unser Ziel und Ziel der Gespräche war es in erster Linie, das Problem intern zu klären und nicht gleich die Presse mit einzubeziehen.

Dieser Streit zeigt besonders eins: Fakultätsräte sind wichtig und mit Hochschulpolitik lässt sich einiges erreichen. Besonders, wenn es um Diversität und Gleichstellung geht. Mit dem St. Marien Hospital wurde glücklicherweise eine Lösung gefunden, um das Kopftuchverbot aus der Welt zu schaffen. Bei den Kliniken der Evangelischen Krankenhausgemeinschaft in Herne steht das Kopftuchverbot bisweilen. Katharina M. Schicktanz und Emre Yavuz versichern allerdings, dass das Thema nicht untergehen wird und dass der Fakultätsrat
dranbleibt.  

:Miena Momandi 

 
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