Antwort auf: „Gemeinsame Ekstase“ (:bsz 1084)
Leserbrief: Zu behindert für Spaß?

Unser Redakteur Marek hat sich in der :bsz 1084 über Menschen ausgelassen, die auf Konzerten nicht in Ekstase aufgehen, sondern sich über Moshpits aufregen. Selbstverständlich hat er damit nie beabsichtigt, Menschen mit Behinderung zu beleidigen. Unseren Leser Maxim hat er trotzdem getroffen. Ein Leserbrief.

Ich bin eine dieser Nervensägen, die auf Konzerten rumstehen und nicht mitgehen, bestenfalls ein Foto machen und mitsingen, um danach zuhause für Klausuren zu lernen oder anderweitig rumzuspießern. Leute, die mir während des Konzerts ins Gesicht brüllen, dass ich gefälligst mitfeiern soll, dass ich ein Spießer bin, und alles mögliche, unflätige andere – versauen mir das Konzert. Das Gefühl ist also beidseitig.

Ich bin autistisch. So. Überhaupt auf ein Konzert zu gehen, ist für mich so beschwingt machbar wie ein Bungeejump mit ausgeleiertem Gummiseil: Kann gut gehen. Kann aber auch furchtbar schiefgehen. Konzert heißt: zu viele Menschen, zu viel Geschrei, Lärm, zuckende Lichter, eine Million Sinneseindrücke gleichzeitig und das ungefiltert. Ausnahmezustand.

Die Band, die all das wert ist, muss wirklich gut sein. Und dann hat man sich selbst überwunden, Zähne zusammengebissen, Standort am Rand, wenig Gedränge, das kann gut werden.

Das Schlimmste, was auf einem Konzert passieren kann

Aber dann kommt ES: der Moshpit. Leute, die sich schubsen, verletzen, anbrüllen. Immer das Risiko: Gleich bist du auch drin. Das ist das Schlimmste, was auf einem Konzert passieren kann – selbst wenn man nicht reingerät. Und danach wird einem hasserfüllt entgegengeschleudert, dass man sich zur Hölle scheren soll als Spießer. Ganz tolles Konzerterlebnis.

Wenn ihr mir – wie Marek auch – sagt, dass ich nach Hause soll, in Zimmerlautstärke meinen Klimperpop hören und für Klausuren lernen soll, dann sagt ihr mir mehr als das. Ihr sagt mir: „Dieser Ort, dieses Konzert, gehört uns ‚normalen‘ Menschen. Du verdienst es nicht, hier zu sein.“ Noch viel schlimmer, Ihr sagt auch: „Du bist zu behindert, um Spaß haben zu dürfen.“ 

Das tut weh. Und ist nicht lustig für mich. 

:Maxim

 

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