Billig und flexibel
Medizinstudis als Notnagel?
Bild: lewy
Realität in vielen Krankenhäusern: Studis müssen als Trostpflaster herhalten.

Die Corona-Pandemie hat die prekäre Lage in vielen Krankenhäusern weiter verschärft. Nicht selten müssen Studierende einspringen.

Ex-Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) dürfte vielen Deutschen aus der Seele gesprochen beziehungsweise gefeixt haben, als er während eines Interviews mit dem US-Fernsehsender CNBC im Mai 2020 kaum verhohlen lachte, nachdem die Interviewerin behauptet hatte, die USA hätten ein „starkes Gesundheitssystem“. Allerdings hat die Bevölkerung Deutschlands angesichts eines zunehmend privatisierten und rationalisierten Medizinsektors selbst seit Jahren mit schwerwiegenden Problemen in der Gesundheitsversorgung zu kämpfen. Ärzt:innen, Pflegende und Gewerkschaften sprechen schon lange von einem Pflegenotstand, nicht erst seit Corona.

Zwar dürfte die Pandemie auch den letzten vor Augen geführt haben, wie „systemrelevant“ Medizin und Pflege sind. Vor allem aber hat Covid19 viele Krankenhäuser wieder einmal an den Rand der Überlastung gebracht, wenn nicht sogar darüber hinaus. Vor allem im März und April 2020, als überall in der Bundesrepublik für die überlasteten Pfleger:innen geklatscht wurde, riefen zahlreiche Kliniken nach Hilfe. Dabei richteten sie sich vor allem an ausgebildete Pfleger:innen, aber auch an Medizinstudierende. Auch in den letzten Tagen und Wochen mehren sich wieder derartige Hilferufe, vor allem in Bayern und Sachsen, aber beispielsweise auch in Brandenburg oder Baden-Württemberg. In Hessen hat ein derartiger Appell des Uniklinikums Gießen und Marburg (UKGM) nun für Kritik der Medizin-Fachschaft der Uni Gießen gesorgt.

In einer öffentlichen Stellungnahme kritisieren die Medizinstudis, „dass man uns gegen das Stammpersonal der Pflege ausspielt. Wir wollen nicht dazu beitragen, dass die bestehenden Missstände in der Pflege weiter gefestigt werden.“ Bereits während vergangener Infektions-Wellen habe der Einsatz von Studentischen Hilfskräften (SHKs) die akute Notlage „überbrückt und abgepuffert“, es sei darüber hinaus jedoch nichts gegen den Pflegenotstand und namentlich die miserablen Arbeitsbedingungen im Krankenhaus unternommen worden. „Es ist kaum ein Versuch unternommen worden, Kolleg:innen der Pflege zu halten oder die Menge der Überlastungsanzeigen zu reduzieren“, heißt es. Studierende kurzfristig einzustellen sei „aus wirtschaftlicher Sicht sehr praktisch. Wir sind flexible Arbeitskräfte, die kaum über den Betriebsrat organisiert sind und befristet eingestellt werden.“ Viele seien vor allem da, um zu helfen. Diese Solidarität werde vom UKGM ausgenutzt, um sich die Festanstellung von mehr Pflegekräften zu sparen. Dabei betont die Fachschaft ausdrücklich, dass sie die solidarische Haltung auf Seiten der Studierenden begrüße. 

Auch die Unikliniken (UKs) in Bochum und Essen haben zu Beginn der Pandemie Hilferufe ausgegeben. Wegen der hier vergleichsweise glimpflich verlaufenden Entwicklung war man aber offenbar zumindest auf studentische Hilfe weniger angewiesen, erzählt Nicole (25), die an der Uni Duisburg-Essen Medizin studiert und seit rund vier Jahren als SHK in verschiedenen Bereichen sechs bis acht Stunden die Woche im UK Essen arbeitet. Sie schätzt, dass die Hälfte ihrer Kommiliton:innen nebenbei im Krankenhaus jobben. Die meisten arbeiten für den Mindestlohn, wenn sie nicht bereits eine Ausbildung etwa als Pfleger:innen oder Rettungssanitäter:innen abgeschlossen haben und entsprechend mehr verdienen. Seit Corona müssen SHKs zunehmend mehr organisatorische Aufgaben übernehmen, wie telefonieren, Fragebögen drucken, Datenbanken ausfüllen oder am Empfang Fieber messen. Auch die Studis, die gerade ihr Praktisches Jahr (PJ), kurz vor Abschluss ihres Studiums, absolvieren, wurden flexibler eingesetzt. „Gefühlt war die Situation in Essen für die PJler aber entspannter als zum Beispiel in Bayern“, meint Nicole. Trotzdem habe man als Medizinstudi manchmal das Gefühl, „als, meist kostenlose, Arbeitskraft ausgenutzt zu werden“. Zudem habe sie mitbekommen, dass die Einarbeitung seit Corona schlechter geworden sei. „Die Betreuung von Corona-Patienten ist kompliziert und erfordert gut ausgebildetes Fachpersonal, das nicht einfach zu Krisenzeiten von Studenten ersetzt werden kann“, ist sie überzeugt.

:Leon Wystrychowski