In Gedenken an deutsche Sportler:innen jüdischer Herkunft
Mehr als nur Erinnerung

Ausstellungen. Zwei Ausstellungen in Bochum wurden eröffnet, um auf die Erfolge und Schicksale von Sportler:innen jüdischer Herkunft, von der NS-Zeit bis heute, aufmerksam zu machen.

Am Dienstag, den 7. Oktober, wurde auf dem Dr.-Ruer-Platz in Bochum die Ausstellung „Zwischen Erfolg und Verfolgung – Jüdische Stars im deutschen Sport bis 1933 und danach“ eröffnet, die noch bis zum 9. November laufen soll. Auf der Huestraße zwischen Hauptbahnhof und Dr.-Ruer-Platz sind nun die Abbilder einiger ausgewählter jüdischer Sportler:innen zu sehen. Auf ihrer Rückseite findet man kurze Präsentationen zu ihrer Person, ihren sportlichen Erfolgen und auch zur Geschichte ihrer Anfeindung und Verfolgung. Die Eröffnung der Wanderausstellung des Zentrums deutsche Sportgeschichte e.V. wurde durch eine Rede von Oberbürgermeister Thomas Eiskirch (SPD) eingeleitet, der an die sportlichen Wurzeln der Stadt Bochum erinnerte. Denn im Jahr 1938 schlossen sich drei kleinere Vereine zum VfL Bochum zusammen, der die 1848 als Gründungsjahr nur dem Turnverein Bochum 48 zu verdanken hat. Ebenfalls 1938 fand die letzte Ausgabe der Reichsmeisterschaft des Sportbundes Schild statt, einer jüdischen Sportveranstaltung, die aufgrund des Ausschlusses jüdischer Sportler:innen aus ihren Vereinen, vier Jahre zuvor ins Leben gerufen wurde. Bei dieser letzten jüdischen Fußballmeisterschaft schoss Erich Gottschalk den TSV Schild Bochum zur deutsch-jüdischen Meisterschaft, kurz bevor er mit seiner Familie in die Niederlande fliehen musste, mit der er zusammen nach Auschwitz deportiert wurde, wo seine Angehörigen von den Nazis umgebracht wurden.
Die Geschichten von Menschen wie Gottschalk möchte die Ausstellung wieder ins Gedächtnis der Öffentlichkeit rufen. „Jüdische Sportler fühlten sich als deutsche Sportler, aber wurden wegen ihres jüdisch-Seins angefeindet“, betonte Grigory Rabinovich, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Bochum. Es sei wichtig, die Athlet:innen nicht auf ihre jüdische Herkunft zu reduzieren, da sie eben in erster Linie deutsche Sportler:innen waren. Deshalb sollen rückwirkend auch besonders die sportlichen Erfolge der ausgestellten Persönlichkeiten gewürdigt werden, da ihnen dies zu Lebzeiten verwehrt wurde. Der Historiker Henry Wahlig, dessen Forschung grundlegend für die zuvor nur wenig beachtete jüdische Sportwelt während der NS-Zeit ist, erläuterte die Entscheidung, die Ausstellung im öffentlichen Raum anzusetzen: Es sollen auch Menschen erreicht werden, die sich mit diesem Thema nicht im Museum beschäftigen würden. Deshalb sollen die Bildnisse der Sportler:innen wirken, wie „riesige überdimensionale Stolpersteine“, auf die man auf dem Weg zum Einkaufen trifft. Daher wurde auch, trotz der vielfältigen und spannenden Biographien, verstärkt darauf geachtet, diese  auf den Rücken der Skulpturen klar und einfach zu halten, um den Passant:innen ein paar Gedanken mit auf den Heimweg zu geben. „Der Sport gibt die Möglichkeit, breit in die Gesellschaft zu wirken“, so Wahlig. Denn der Sport ist in allen gesellschaftlichen Schichten präsent und schafft einen Zugang zu Menschen, denen es schwerfällt, sich der unvorstellbaren Ausmaße der nationalsozialistischen Verbrechen bewusst zu werden. 
Essenziell für die Ausstellung ist auch der Hinweis darauf, dass wir in unserer Gesellschaft heute wieder einen starken Rechtsruck erleben, der das seit jeher aktuelle Problem von Ausgrenzungen und rassistischen oder anti-semitischen Anfeindungen noch dringlicher macht. „Erinnern ist wichtig, aber essenziell ist, dass wir dafür sorgen, dass solche Ausgrenzungen heute nicht mehr möglich sind.“ Mobbing sei im Sport immer noch aktuell und müsse an seiner Funktion als Motor der Exklusion gehindert werden. Denn auch Integration kann durch den gemeinsamen Sport spielerisch gelingen.

Parallel wird im Stadtarchiv Bochum zurzeit die Ausstellung „Unsere Heimat, unsere Liebe…“ gezeigt. Die Schau wurde vom Fanprojekt Bochum von der Arbeitsgruppe „1938 nur damit es jeder weiß“ zusammengestellt. Angelehnt an den bekannten Fangesang, der in Variation in sämtlichen deutschen Fußballstadien ertönt, um an die Tradition des angefeuerten Vereines zu erinnern, führt diese Ausstellung eine weniger rühmliche Vergangenheit Bochums. Schauwände bilden einen Durchgang durch die Geschichte der Rechten in Bochum; mit Hilfe von QR-Codes kann man sich auf dem Handy anschauen, wie die Orte heute aussehen, an denen einst Naziaufmärsche stattfanden, jüdische Kaufhäuser standen oder wo die verfolgten Jüdinnen und Juden heute begraben liegen: die Liste ist überraschend lang. Neben den Fotografien und Texten sind auch einige Zitate von Nazis als deutsche Tweets verpackt für den eigens ausgedachten Dienst „Zwitscher“. In dieser Aufmachung fällt auf, dass menschenverachtende Aussagen wie diese ausgestellten von Hitler, Goebbels oder dem damaligen Bochumer Bürgermeister heute gar nicht mehr so fremd sind in sozialen Netzwerken, wie sie beim Anblick ihrer einstigen Auswirkungen eigentlich sein sollten. Später sieht man Wände voller rechter Memes, Schmierereien und Tweets aus der Gegenwart. Nazis sind nach 1945 nicht verschwunden, sie haben nur ihre Plattform geändert.

:Henry Klur

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