Höher, schneller, älter
Mit 68 Jahren, da fängt die Rente an
Symbolbild
Auch im hohen Alter noch arbeiten – eine Lebensrealität der meisten.

Kommentar. Ehrenamtliche Arbeit kommt nicht unbedingt gut an, beweist das jüngste Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats des BMWi. Er empfiehlt ein erhöhtes Renteneintrittsalter.

Die Lebenserwartung der Menschen in Deutschland steigt seit geraumer Zeit an, nicht zuletzt durch die medizinischen Fortschritte. Das fällt nicht nur dem Statistischen Bundesamt auf, das die Lebenserwartung von Jungen auf 78,6 Jahren beziffern und die der Mädchen auf 83,4 Jahre. Nein, es merkt auch der Wissenschaftliche Beirat beim Bundeswirtschaftsministerium (BMWi). Ihr Fazit dazu lautet, dass die gesetzliche Rente angehoben werden sollte auf mindestens 68 Jahre bis 2042. Ein Prozess der Erhöhung des Renteneintrittsalters wird schon seit 2012 vollzogen, seitdem es immer einen Monat mehr zu arbeiten gibt, bevor man das Handtuch werfen darf. Begründet wird der Vorschlag sehr simpel: Wenn die Menschen im Durchschnitt immer älter werden, dann beziehen sie auch länger Rente. Wenn jetzt nicht noch mehr in die Rentenkasse eingezahlt wird, werden wir einen „Finanzierungsschock“ erleben. Das wird durch zwei Faktoren befeuert. Zum einen erleben wir bald den Renteneintritt der Babyboomer-Generation und zum anderen begünstige die Pandemie diesen Finanzierungsschock, sodass er früher käme und ausgeprägter ausfallen werde. 
Also lautet der Vorschlag, das Renteneintrittsalter an die Lebenserwartung zu koppeln. Was im Umkehrschluss auch bedeuten würde, wenn die Lebenserwartung wieder sinken sollte, dann würden wir das Rentenalter nach unten korrigieren müssen. Das Verhältnis zwischen gearbeiteter Zeit und der Zeit in Rente solle gleichbleiben und wenn man sich die Zahlen anschaut, würde das mit einem Eintrittsalter von 68 Jahren ab 2042 zutreffen.
So weit, so logisch. Eine Rentenreform herbeizuwünschen, klingt absolut nachvollziehbar, da ansonsten große Zuschüsse aus dem Bundeshaushalt notwendig wären. Diese müssten dann an anderer Stelle fehlen.  Jetzt hat der Vorschlag aber trotzdem seine Tücken. In dem Bericht sind kurz hintereinander zwei Sachen sehr interessant. Einerseits wird behauptet, Arbeitnehmer:innen mit gesundheitlichen Problemen sollten früher in Rente gehen können, während viele Arbeitnehmer:innen ohne Probleme länger arbeiten könnten. Deswegen ist in der Empfehlung nur die Rede von einem Renteneintrittsfenster, welches nicht spezifiziert wird. Das Andere ist, dass es wohl keine Belege dafür gebe, dass die Produktivität im Alter abnähme. Als Beispiel wird ein Automobil-Montagewerk herangezogen, in dem die Produktivität bis 60 Jahren monoton steigen würde. Danach sind die Daten unpräzise, weil aus unerfindlichen Gründen nur wenige Leute dort arbeiteten, die älter als 60 waren.
Menschen sind prinzipiell individuell und ebenso die Jobs, die diese Menschen machen. Warum sollte dann ein erhöhtes einheitliches Rentenalter oder ein limitiertes Renteneintrittsfenster gefordert werden? Wenn ein Mensch vor diesem Renteneintrittsfenster seinen:ihren Beruf quittieren muss, dann könnte die Rente noch geringer ausfallen, als sie es eh schon tut. Außerdem ist die durchschnittliche Lebenserwartung eine Statistik, die nicht mit einbezieht, dass reiche Menschen länger leben als ärmere. Und diese Lebensjahre können nicht unbedingt als gleichwertig angesehen werden. Es sollte mehrere Unterschiede zwischen wohlhabenden und geistig sowie körperlich gesunden Lebensjahren und den Lebensjahren, die von Krankheit und Armut geprägt sind, geben. Eine Empfehlung, die nur auf durchschnittlichen Daten der Lebenserwartung und Produktivität beruht, ist leider kapitalistisch, realitätsfern und unzureichend. 

:Lukas Simon Quentin