Neue Zugänge zur Geschichte
Nicht irgendwo in Berlin oder in Nürnberg, sondern hier
Bild: lewy
Vor 1933 jüdisch, nach 1945 muslimisch geprägt: Duisburg-Marxloh.

Aufarbeitung. Ein Duisburger Pädagoge arbeitet mit muslimischen Jugendlichen die lokale NS-Geschichte auf.

Politische Gegner:innen, insbesondere Kommunist:innen und Sozialdemokrat:innen, Gewerkschafter:innen, Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma, Menschen mit Behinderungen, Homosexuelle,  Schwarze und russische Kriegsgefangene – sie alle landeten zwischen 1933 und 1945 in den deutschen Konzentrations-, Arbeits- und Vernichtungslagern. Auch einige Muslim:innen und Araber:innen wurden in die KZs gesperrt; 90.000 Marokkaner:innen landeten in deutschen Kriegsgefangenenlagern und weitere zigtausende Nordafrikaner:innen wurden während des Ägyptenfeldzugs unter Erwin Rommel als Kriegsgegner getötet, als angebliche Kollaborateur:innen der Alliierten ermordet oder als „Hilfstruppen“ an der Front verheizt. Trotzdem: Für viele muslimische Jugendliche in Deutschland ist das Kapitel NS-Zeit weit entfernt – da sie weder Nachfahren von Opfern, noch von Täter:innen sind, fehlt ihnen häufig der Zugang zu diesem speziellen Kapitel deutscher Geschichte. Hinzu kommt, dass Muslim:innen – besonders unter Verweis auf den Palästina-Konflikt – mittlerweile oft pauschal Antisemitismus unterstellt wird. Das kann so weit gehen, dass muslimische Schüler:innen von Besuchen in Shoah-Gedenkstätten ausgeschlossen werden. 

Einen solchen Fall hat Burak Yılmaz bereits erlebt. Der gebürtige Duisburger hat Pädagogik an der RUB studiert und ist heute selbstständig. Den beschriebenen Fall nahm er zum Anlass, sich Gedanken zu machen, wie ein Zugang zu dem Thema NS-Verbrechen und Shoah speziell für muslimische Jugendliche aussehen kann. „Ich setze an ihren Erinnerungsräumen und ihren Assoziationen an“, erklärt er. „Zum Beispiel, dass sie selber Rassismus erlebt haben in Deutschland, ist ein Zugang, den sie haben.“ Dabei sei ihm einerseits wichtig, die Unterschiede von antimuslimischem Rassismus und Antisemitismus aufzuzeigen, aber die Gemeinsamkeiten, gerade was die Diskriminierungserfahrungen angeht, seien wertvoll. Aber auch eigene Vorurteile gegenüber Jüdinnen und Juden seien Zugänge, die man nutzen könne und die bei ernsthafter Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie und den eigenen Vorstellungen dann aufgebrochen werden könnten. Ein weiterer wichtiger Zugang ist der über das Lokale. „Marxloh und die Menschen, die dort leben, werden krass stigmatisiert: das sind Kriminelle, Gangs, Clans, No-Go-Area … Und wenn man in so einem Stadtteil lebt und solche öffentlichen Diskussionen hört, hat man natürlich das Gefühl, man gehört nicht dazu. Aber gleichzeitig identifizieren sich viele Menschen mit diesem Stadtteil. Und dieses Zugehörigkeitsgefühl zum eigenen Stadtteil kann man koppeln mit der Vermittlung von Geschichte.“ 

So lag es nah, der jüdischen Geschichte des Stadtteils nachzugehen, die unter den Nazis ihr jähes Ende fand. Aufgearbeitet werden etwa die antisemitischen Hetzjagden und Pogrome, die schon 1933 von den Nazi-Trupps auch in den Straßen Duisburgs stattfanden. „Das gibt nochmal eine ganz andere Bindung zu dieser Geschichte, weil sie merken, dass die NS-Zeit nicht irgendwo in Berlin oder in Nürnberg stattgefunden hat, sondern an die Orte reicht, wo sie aufgewachsen sind,“ so Yılmaz. Auch hier gibt es gewisse Parallelen und historische Anknüpfungspunkte: Wie die damalige jüdische Gemeinde, so hat auch die heutige türkisch-muslimische Community in Marxloh ein starkes ökonomisches und soziales Netz aufgebaut, das den Stadtteil trotz Vernachlässigung und Stigmatisierung durch die Politik trägt. Wohnungen, aus denen jüdische Familien verschleppt wurden, wurden nach dem Krieg von den sogenannten Gastarbeiterfamilien bezogen, die als billige Arbeitskräfte das Land wieder aufbauten. Ehemalige jüdische Läden beherbergen heute die berühmten Marxloher Brautmodegeschäfte. Es ist nicht Yılmaz’ erstes Projekt. So leitet er etwa Workshops, Fortbildungsangebote und inszenierte bis Corona das Theaterstück „Benjamin und Muhammed“ über Antisemitismus unter muslimischen Jugendlichen.       

Jüdisches Leben im Ruhrgebiet 

Im Mittelalter und der frühen Neuzeit gab es nur vereinzelte jüdische Gemeinden im heutigen Ruhrgebiet. Im Zuge der Industrialisierung im 19. Jahrhundert kamen mit den größtenteils zugewanderten Industriearbeiterfamilien auch zahlreiche Menschen jüdischen Glaubens beziehungsweise jüdischer Herkunft in die Gegend zwischen Duisburg und Dortmund. Vor und während des Ersten Weltkriegs wurden hunderttausende Arbeiter:innen insbesondere aus Polen angeworben und als billige, später als Ersatzarbeitskräfte für die zum Militär eingezogenen Männer in die Minen, Stahlwerke und Fabriken an der Ruhr geschickt. Unter diesen „Fremdarbeitern“ sollen bis zu 150.000 Jüdinnen und Juden gewesen sein, von denen fast zwei Drittel blieb; bis 1920 kamen weitere 16.000 hinzu, die vor antisemitischer Gewalt in Polen geflohen waren. Die polnischen Arbeiter:innen traten während der Novemberrevolution häufig besonders radikal auf, weil sie nicht an die SPD gebunden waren. Zugleich waren die polnischen Jüdinnen und Juden bald darauf beliebte Ziele der antisemitischen Propaganda von Deutschnationalen und Nazis. Während der NS-Herrschaft wurden nahezu alle Jüdinnen und Juden im Ruhrgebiet ermordet oder vertrieben. Nach 1945 entstand jüdisches Leben nur zögerlich; heute leben wieder mehrere tausend Juden in der Region, die meisten wiederum aus Osteuropa.  

 

Verfolgung mit Hürden  

Vor wenigen Tagen kam es in Bochum zu einem Anschlag auf die hiesige Synagoge. Die Tathintergründe sind noch unklar, ein rechter Hintergrund liegt erfahrungsgemäß aber nah. Mit Dortmund liegt seit Jahren das westdeutsche Zentrum der extremen Rechten im Ruhrgebiet. Das war nicht immer so, denn die Propaganda der Nazis fiel nicht ohne weiteres auf fruchtbaren Boden. Hier entsprach die faschistische Propaganda vom „jüdischen Kapital“ wohl am wenigsten der Realität: Die Mehrheit der jüdischen Menschen hier bestand aus Geflüchteten und Arbeitsmigrant:innen, die in der Kohle- und Stahlindustrie schufteten oder mittlerweile kleine Läden eröffnet hatten. Allerdings gab es unter den zugewanderten Jüdinnen und Juden im Ruhrgebiet zahlreiche Orthodoxe, bei denen vor allem die Männer anhand ihres Aussehens – Schläfenlocken, Kaftane und Hüte – als solche zu erkennen waren. Als sogenannte „Ostjuden“, also als Juden, noch dazu erkennbar, und zugleich polnisch, am liebsten noch jiddisch, statt deutsch sprechend, wurden sie zum bevorzugten Ziel antisemitischer Propaganda und zum Sinnbild des nichtintegrierbaren „ewigen Juden“.  

Allerdings: „Bezogen auf die jüdischen Kleinbürger, die oft schon in zweiter Generation im Ruhrgebiet lebten“, war es mit der Ausgrenzung schwerer für die Nazis, so der Historiker Ulrich Schneider, dessen Buch Antisemitismus im Dritten Reich. Von der Ausgrenzung zum Völkermord vor wenigen Tagen im PapyRossa-Verlag erschien: „Sie waren Teil der Stadtgesellschaft, wenngleich sie durch die jüdische Feiertagsregel des Sabbats erkennbar blieben. Sie waren deshalb im Fokus der Nazis, weil diese versuchten, sich als „Interessensvertreter des arischen Kleinbürgers“ gegen dessen jüdischen Konkurrenten zu profilieren. Die Weltwirtschaftskrise führte insbesondere bei Kleinhändlern zu Konkursen beziehungsweise zu Konkursängsten.“ Als Sündenböcke beschworen die Faschisten das „internationale jüdische Finanzkapital“ statt des kapitalistischen Wirtschaftssystems selbst. „Dieser Antisemitismus hatte damit auch eine Ablenkungsfunktion von den tatsächlichen Ursachen der Krise, der kleinbürgerliche Kräfte gerne folgten.“   

Bei der Mehrheit der Menschen im Ruhrgebiet konnten die Nazis damit allerdings nicht punkten: „Rheinland und Ruhrgebiet waren für die faschistische Herrschaft keine leichten Terrains“, so Schneider. „Hier existierten eine politisch erfahrene Arbeiterbewegung und ein gesellschaftliches Arbeitermilieu, in dem der faschistische Antisemitismus wenig Zustimmung fand.“ So war im Ruhrgebiet, der Hochburg der Kommunist:innen, die Zerschlagung der politischen Opposition vielleicht mehr noch als in anderen Teilen Deutschlands die Voraussetzung für die Entrechtung und schließlich Verfolgung der hiesigen Jüdinnen und Juden.

:Leon Wystrychowski