Ein Lied ist mehr als nur ein Lied
Oh Partisan, bring mich fort
Bild: By Francescomelloni [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], from Wikimedia Commons
Erinnerungen an die Resistenza in Italien: Nicht nur Denkmäler, sondern auch durch Lieder können die Ereignisse in das kollektive Gedächtnis aufgenommen werden. Bild: By Francescomelloni [CC BY-SA 3.0  (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], from Wikimedia Commons
Erinnerungen an die Resistenza in Italien: Nicht nur Denkmäler, sondern auch durch Lieder können die Ereignisse in das kollektive Gedächtnis aufgenommen werden.

Kommentar. Heutzutage werden Lieder nebenbei gehört. Beim Autofahren, auf der Arbeit oder zum Tanzen. Doch kaum jemand achtet noch auf den genauen Text, dabei ist dieser entscheidend. Denn Lieder erzählen Geschichten, handeln von der Vergangenheit und transportieren Gefühle.

„O bella ciao, bella ciao, bella ciao, ciao, ciao“ dröhnt es aus den Boxen. Dazwischen Klatschen, wum wum wum, verzerrter Gesang, irgendwelches DJ-Gedöns. Der Fuß wippt mit. Cooler Sound, gute Mucke zum Abtanzen? Für viele lautet die Antwort „Ja“. Man kommt in diesem Sommer kaum um dieses Lied herum. Nicht nur El Profesor alias Hugel (Bitte wer?) und Mike Singer (irgendein Teenieschwarm), sondern auch Steve Aoki & MARNIK (bekannt geworden mit „Pursuit of Happiness“) interpretieren „Bella Ciao“ auf ihre Weise neu.

Ihr Freiheitskampf 

Eine spanische Serie sorgt für internationale Begeisterung. In „La casa de papel“ (deutsch: „Haus des Geldes“) dringt eine Gruppe von Verbrecher*innen in eine Banknotendruckerei ein und erbeutet mehrere Millionen. Der Clou: Sie stehlen niemandem das Geld, sondern drucken es selber. Der Kopf hinter dem ausgeklügelten Plan: El Profesor (deutsch: „Der Professor“). Dieser übernahm die Idee dazu von seinem Vater, der selbst ein Bankräuber war. Der Großvater wiederum war Partisan. Er kämpfte in Italien gegen den Faschismus. Von ihm kennt er das Lied „Bella Ciao“, das er den anderen Mittäter*innen beibrachte. Er selbst bezeichnet sich als Partisan, als Widerstandskämpfer. Und so werden aus Verbecher*innen Kämpfende für die Gerechtigkeit. 

Das Lied wurde bekannt in der Version der italienischen Partisan*innen als Hymne der kommunistischen und anarchistischen Bewegung. Der Freiheitskampf wird besungen, die Toten geehrt, die Helden verewigt. Es geht um einen sterbenden Partisanen. Er singt von seinem nahenden Tod, von seiner Grabesstätte und von seinen Genossen. „È questo il fiore del partigiano, morto per la libertà!“ (deutsch: „Dies ist die Blume des Partisanen, der für die Freiheit starb“). Ein bewegendes Lied. Und auch in der Serie bewegend und sensibel behandelt. Die Zuschauenden sind von dem Lied begeistert. Und wo die Menschen zu begeistern sind, da ist auch die Musikbranche nicht mehr weit. Direkt werden mehrere Versionen dieses Liedes aufgenommen und nun erhalten die Produzierenden Ruhm und Geld. Sie machen eine Tanznummer daraus, bei der die schwitzenden Leiber im Sonnenschein, Arme nach oben gereckt, ihre Freiheit betanzen können. Dass aber auch dieses Lied über Freiheit handelt, wird vergessen. Vergessen sind all die Toten, die für unsere Freiheit starben. Vergessen all jene, für die das Lied mehr war als eine Tanznummer. Für die dieses Lied Mut und Kraft bedeutete. Außer „Ciao Bella“ wird der Text nicht verstanden und nicht beachtet.

Unsere Freiheit 

Für unser kollektives Gedächtnis rufe ich alle Feiernden auf, sich dieses Lied einmal bewusst in einer älteren Version anzuhören. Eine findet Ihr zum Beispiel hier: tinyurl.com/cjlmls5.  Sich bewusst dafür zu entscheiden, jene zu ehren, die dieses Lied groß machten, sich klar zu werden, dass uns die Identifikation für eine gemeinsame Sache fehlt, da wir die Vorzüge der Freiheit genießen können, die sie für uns erkämpften. Und wenn das geschehen ist, könnt Ihr weitertanzen. Und das Leben genießen. Solange es noch Freiheit bedeutet.

:Maike Grabow

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