This is America(s history)!
Rapping History – Hamilton als Streaming-Erlebnis
Screenshot: fufu
Im Internet kommt man kaum dran vorbei: Das Musical Hamilton ab jetzt bei Disney+.

Digitales Musical. Yoo MTV rapps(t) nicht mehr genug. Wo gibt es denn diese, diese? Ich will Bars, ich will Rhythm, ich will … amerikanische Geschichte? Komische Kombi, bro, aber es gibt da was für Dich! 

Es wird als das meistgefeierte Musical der Welt bezeichnet und konnte nicht nur elf Tony Awards, sondern auch den Pulitzerpreis gewinnen: Hamilton. Ein Musical über einen der amerikanischen Gründerväter, sein Leben, die Geburt einer Nation und Hip-Hop?! Ja! Hamilton hat nicht nur einen großen Platz in der Popkultur eingenommen, sondern auch gleichermaßen Anpreisung von Barack Obama und  George W. Bushs-Vizepresident Dick Cheney sowie zahlreichen Prominenten, Kunstschaffenden und unzähligen User:innen in den sozialen Medien gefunden. Die App Smule wird gerade, beispielsweise im App Store, beworben, für ihre Karaoke-Versionen des Hamilton-Musicals. Denn im Internet flammt der Hype um das Musical von 2015 gerade nochmal ganz aufs Neue auf. Aus einem guten Grund: Der Streaming-Dienst Disney+ hat für seine Abonnent:innen ganz exklusiv den Hamilton-Film am 3. Juli zum Streamen veröffentlicht. Das schöne ist, dass es sich um einen Bühnenmitschnitt aus dem Jahr 2016 (ein Jahr nach der Uraufführung des Musicals) handelt und keine cineastisch-fatale Cats-ituation dabei rumgekommen ist. Gut… das CGI hätte man bei Hamilton natürlich nicht in solch einem Ausmaß gebraucht, aber warum ein Werk nicht auch als das Medium präsentieren, als das es das Publikum fasziniert? Gilt ebenso für Animations- vs. Live-Action-Filme! (Ausnahmen gibt es natürlich immer). 

Doch das Musical Hamilton kommt auch ohne diesen Schnickschnack revolutionär daher. Ein Werk, das amerikanische Gründungsgeschichte, lateinamerikanische Musik sowie Hip-Hop mit klassischer Musicalmusik und einem diversen Cast (als Darsteller:innen historisch weißer Personen) in einem Musical kombiniert. Selbst wenn beispielsweise die Historikerin Lyra Monteiro kritisierte, dass Hamilton ein Stück weiße Geschichte, durch die Besetzung von Darsteller:innen ethnischer Minderheiten, als „die Geschichte von uns allen“ verschleiern wolle, während es dabei ethnische Minderheiten aus der eigentlichen Erzählung tilge, wirkt es doch einfach fortschrittlich, den ersten Präsidenten der vereinigten Staaten, George Washington großartig von dem latein-amerikanischen Darsteller Christopher Jackson verkörpert zu sehen, statt zwingend von einem weißen Darsteller. Die hochnäsige Monarchie wird jedoch von weißen Darstellern verkörpert und beispielsweise die Auftritte des britischen King George sind immer wieder ein humoristisches Highlight bei Hamilton. 

Die Musik ist mitreißend, die Geschichte wird rührend an das Publikum übermittelt und die Kamerabewegungen sind überschaubar gehalten, statt unnötig beschleunigend, da alle Energie, die man benötigt, von dem überragenden Cast auf der Bühne kommt. Werksschreiber und Komponist Lin-Manuel Miranda mimt dabei sogar selbst den Titelgebenden „Helden“ Alexander Hamilton. Doch die ganze Besetzung überzeugt. Man braucht auch kein Recasting, wenn man einfach die Erstbesetzung im Mitschnitt auf Film hat. Das reicht doch vollkommen aus und das Veröffentlichen von Bühnen-Mitschnitten von Werken, die sonst örtlich begrenzt sind, dürfte gerne häufiger stattfinden, da es Publikum erschließt, das sonst vielleicht nicht die hohen Kosten der Karten oder der damit verbundenen Reisekosten, die entstehen würden um beispielsweise Hamilton gerade Live zu sehen, bezahlen kann. Eine Inszenierung in Deutschland gibt es derzeit noch nicht. 

Musikalisch gibt es in dem Musical neben lateinamerikanischen-, und R’n’B-Einflüssen ebenso viel Hip-Hop. 808 Claps, Gespitte auf das Busta Rhymes und E-40 neidisch wären und viele Shoutouts an Rap-Klassiker. Wer mal Thomas Jefferson den Kurtis Blow machen sehen will, sollte reinschauen. Auch alle die Fans von Epic Rap Battles auf YouTube sind! Dieses Musical ist euer Format, in zwei Stunden und 40 Minuten auf den Punkt gebracht! Aber wirklich, was beispielsweise der Darsteller Daveed Diggs da so runter rappt, während er einen französischen Akzent mimt, soll ihm erstmal einer nachmachen. Machine Gun Rap ist gar kein Ausdruck!                    

 

(UPDATE, 4. August 2020: Natürlich handelt es sich bei "Hamilton" um ein Stück Fiktion. Auch wenn es natürlich großteilig auf wahren Begebenheiten beruht, ist es nicht möglich alle Aspekte der amerikanischen Geschichte in diesem Werk angemessen darzustellen. Wer darüber hinaus einen kleinen Exkurs über die amerikanische Geschichte sucht, findet beispielsweise hier einen Startpunkt. Das Musical "Hamilton" sollte man als das genießen was es ist: Ein sehr gelungenes musik-theatralisches Bühnenwerk; Nicht als ein Abbild der tatsächlichen amerikanischen Geschichte.) 

  :Christian Feras Kaddoura