Abgründe und Erinnerungen: Die Bild-Text-Anthologie „Keller, Schlüssel“
Sehnsuchts- und Schreckensort Souterrain
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Nicht nur Katzen gehen auf Entdeckungsreise wie in der Erzählung „Maneki-neko“: Im Band „Keller, Schlüssel“ suchen AutorInnen nach Verborgenem und Vergessenem. Foto: bent
Nicht nur Katzen gehen auf Entdeckungsreise wie in der Erzählung „Maneki-neko“: Im Band „Keller, Schlüssel“ suchen AutorInnen nach Verborgenem und Vergessenem.

Was sie schon immer über das Leben wissen wollten, aber sich nicht im Keller zu suchen trauten: Im Kurzgeschichten- und Lyrik-Band schreiben RUB-Studierende und andere Literatur-NewcomerInnen über Einsamkeit, Erinnerungen und den üblichen Alltagsballast.

Es ist ein abgelegenes Reich, in dem nicht nur Katzen auf Entdeckungsreise gehen wie etwa in Caroline Königs Kurzgeschichte „Maneki-neko“: Staubige Fotoalben, alte Bücher aus Kinderzeiten oder kaputtes Mobiliar – im Text der Komparatistikstudentin findet der Vierbeiner die Dinge, die man im Leben aussortiert. „Der Keller versprach Einsamkeit. Unten wird vergessen, was man oben nicht braucht.“

Darum geht es auch in der Anthologie „Keller, Schlüssel“: Ums Vergessen und Verdrängen, Geheimnisse und Wünsche. Wie schon im Vorgänger-Band „Struktur, Tapete“ (vgl. :bsz 1050) geht das Konzept der Bild-Text-Anthologie auf: Auf knapp 200 Seiten versammeln sich in Kurzgeschichten, Gedichten und Fotos spannende Gedanken und Assoziationen über Schlüssel und Souterrain.

Mitgewirkt haben daran auch RUB-Studierende wie etwa Kristina Lichte. In ihrer Kurzgeschichte „Lichtfolter“ geht es um Rache und menschliche Abgründe. Ihre Protagonistin findet sich nach einer Party  eingesperrt im Keller wieder. Was hat der Entführer mit ihr vor? Wie kann sie ihn dazu bewegen, sie wieder raus zu lassen? Gefühle, Kontrolle, Macht – ein Psychothriller-Drama mit einem überraschenden Plot Twist in bester Hitchcock-Tradition. 

Alles über meinen Vater

Als sie den Schlüssel gefunden haben, können sie endlich das Geheimnis lüften: Was hatte ihr Vater all die Jahre so lang alleine im Keller gemacht, fragen sich nach seinem Tod zwei Brüder in der Kurzgeschichte  „Ausgeschlossen“ von Nicholas Wieling. „Es gab Zeiten, da war Papa eigentlich nichts anderes als dieses Zimmer.“ Was sie entdeckten, zwingt sie einzugestehen, ihren Vater nie so wirklich gekannt zu haben. 

Wie jedes Jahr versteckt sie Ende November die Weihnachtsgeschenke für ihren Sohn im Keller. Doch der volle Raum bringt die Mutter in Natascha Herkts „Ein Feuer in der Ferne“ auch dazu, über ihr eigenes Leben nachzudenken. Die RUB-Studentin der Komparatistik und Germanistik zeigt den Keller als Ort von angesammelten wie verdrängtem Alltagsballast. „Egal, wie viele Kartons ich fülle, der Raum dort unten ist zu groß, als dass alle Erinnerungen darin verdrängt werden können“. Gedanken kommen auf: Einfach mit ihrem Sohn wegfahren? Dem Alltag entfliehen? „Ein Streichholz würde genügen“, denkt sich die Protagonistin. „Schließe ich meine Augen, sehe ich es. Ein glimmendes Feuer in der Ferne.“ 

Doch Herkts Kurzgeschichte ist nur ein Highlight vieler überzeugender Texte. Der Band „Keller, Schlüssel“ versammelt Erzählungen von jungen wie vielversprechenden AutorInnen.

 
„Keller, Schlüssel.Eine Bild-Text-Anthologie“
Ruhrliteratur- Verlag,
196 Seiten,
9,99 Euro.
 

:Benjamin Trilling