Die Prostitutionsdebatte erreicht die RUB
Sexarbeit, Migration, Osteuropa
Foto: Patrick Henkelmann
Die Plakate sorgten für Gesprächsstoff an der RUB. Foto: Patrick Henkelmann
Die Plakate sorgten für Gesprächsstoff an der RUB.

Prostitution ist momentan ein heftig umstrittenes Thema in den Medien. Und Alice Schwarzer meldet sich am lautesten zu Wort, wenn es um (Zwangs-)Prostitution geht – doch macht sie das tatsächlich zu einer Expertin? Am 12. November lud das internationale Frauenforum „Migra!“ Mechthild Eickel von der Bochumer Prostituierten-Beratungsstelle Madonna e.V. an die RUB ein, um über „Sexarbeit und Migration“ zu referieren. Auf Alice Schwarzer und deren Kreuzzug gegen die Prostitution ist Eickel nicht gut zu sprechen.

Alice Schwarzer und Mechthild Eickel haben ein gemeinsames Thema, doch ihre Meinungen, Ansätze und Argumente dazu könnten unterschiedlicher nicht sein. Die eine spricht von (Zwangs-)Prostitution, die andere von Sexarbeit. Während die eine Prostitution verbieten möchte, setzt die andere sich für sichere und anerkannte Arbeitsplätze in der Sexarbeit ein. Mechthild Eickel ist bereits seit 1988 in der Beratung von Prostituierten tätig und erlebt tagtäglich, was die Frauen, über die so viel gesprochen wird, tatsächlich bewegt. Sie arbeitet bei der Beratungsstelle Madonna e.V., die sich 1991 in der Tradition der Hurenbewegung gegründet hat und seitdem für die Interessen von Sexarbeiterinnen einsetzt. Madonna e.V. bietet Beratungs- und Bildungsangebote für die Frauen in der Sexarbeit an und sucht zweimal wöchentlich Sexarbeiterinnen für ihre Beratung in verschiedenen Etablissements in Bochum auf.

Zwangsprostitution oder Arbeitsmigration?

Seit dem EU-Beitritt von Rumänien und Bulgarien 2007 sind besonders viele Frauen aus diesen Ländern nach Deutschland gekommen, die hier in der Sexarbeit tätig waren oder sind – in diesem Punkt sind sich Schwarzer und Eickel einig. Doch heißt es bei Schwarzer und in vielen Medienberichten über diese Frauen, die meisten von ihnen hätten ausbeutende Zuhälter, wären durch falsche Versprechen hierhin gelockt worden, seien Opfer des Menschenhandels und wären Zwangsprostituierte, würden also sexuelle Zwangsarbeit leisten. Mechthild Eickel wollte mit ihrem Vortrag mit diesem – ihrer Ansicht nach – klischeehaften und falschen Bild der aus den EU-Beitrittsländern kommenden Prostituierten aufräumen.

Eickel stellte deshalb auch klar, dass sie aufgrund ihrer Arbeit den Eindruck hat, dass auch die Osteuropäerinnen sich in den allermeisten Fällen freiwillig und bewusst für die Sexarbeit entscheiden – zumindest freiwillig im Rahmen der vorherrschenden ökonomischen Zwänge. „Die meisten entscheiden sich dazu, nach Deutschland zu kommen, weil sie sich hier bessere Lebensverhältnisse erhoffen. Weil sie in ihren Heimatländern keine Arbeit finden, von der sie und ihre Familien leben können.“ Sei es, dass die Frauen gleich nach Deutschland kommen, um hier als Prostituierte zu arbeiten, sei es, dass sie hierzulande zunächst in einem anderen Beruf arbeiten und dann in die Sexarbeit umsteigen. Die schulische Qualifikation der Frauen variiert dabei erheblich: Viele haben keinen Schulabschluss oder sind gar Analphabetinnen (besonders bei den Roma-Frauen), viele haben aber auch Abitur oder Hochschulabschlüsse – die in Deutschland jedoch teilweise nicht anerkannt werden.

Weiter klärte Eickel auf, dass direkter Zwang in der Prostitution in Wahrheit eher selten vorkommt. Sehr viel häufiger haben die Frauen mit verschiedenen Formen wirtschaftlicher Ausbeutung zu kämpfen. Gerade Migrantinnen, die erst kurze Zeit in Deutschland sind und (noch) kein Deutsch sprechen, lassen sich häufig eine Weile lang geschäftlich ausbeuten oder betrügen. Eickel befürwortet zur Bekämpfung solcher Zustände und zur Sicherung genereller Mindeststandards durchaus eine stärkere staatliche Regulierung der Sexarbeit – allerdings nur unter Beteiligung der SexarbeiterInnen und der UnternehmerInnen im Bereich der Sexarbeit. Was die in den Medien gerne angeprangerten Flatrate-Bordelle angeht, so sind die konkreten Bedingungen in solchen Etablissements häufig problematisch, während das Geschäftsmodell an sich für Eickel „in Ordnung“ ist. Gegensätzlicher könnten die Ansichten wohl kaum sein.

Rechte statt Verbote!

Nach ihrer langjährigen Erfahrung schätzt Mechthild Eickel die Prostitution nicht als Form der Arbeit ein, die per se traumatisierend sein muss, sondern als eine die ähnlich emotional belastend ist, wie die Arbeit in der Altenpflege. Zu den größten Problemen der Prostituierten gehört das gesellschaftliche Stigma, welches meist zu einem Doppelleben und oft zu gesellschaftlicher (Selbst-)Isolation führt. Daher sind Akzeptanz und Anerkennung der Sexarbeit unbedingt vonnöten, um die Situation der dort tätigen Frauen zu verbessern. Stigmatisierung, Verdrängung und Kriminalisierung schädigen und gefährden dagegen die Prostituierten.  

Weitere Informationen im Internet unter:
www.madonna-ev.de

Ein Appell für die Rechte von Prostituierten, den jedeR unterzeichnen kann:
http://tinyurl.com/qy3vlvw

Anna Schiff und Patrick Henkelmann

 

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