Ruhrdeutsch-Kabarett: Kalle Henrich philosophiert über den Pott
Sprachwissenschaft ist doch zum Lachen
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„Was Glück ist, weiß man erst, wenn man verheiratet ist. Aber dann ist es zu spät“: Mit Witzen und Anekdoten  erzählte der Kabarettist Kalle Henrich über die Sprache und andere Eigentümlichkeiten im Pott. Foto: bent
„Was Glück ist, weiß man erst, wenn man verheiratet ist. Aber dann ist es zu spät“: Mit Witzen und Anekdoten erzählte der Kabarettist Kalle Henrich über die Sprache und andere Eigentümlichkeiten im Pott.

Genitivumschreibungen, kreativer Satzbau und putzige Sprachunfälle: Der Kabarettist Kalle Henrich zeigt in seinem Best-of-Programm auf der RüBühne in Essen, wie lustig das Ruhrdeutsche sein kann.

Richtich neu kannze dat auch nich nenn’, würde der Ruhrpottler wohl sagen. Gemeint ist natürlich das Lachen über die Umgangssprache und Macken der Menschen, die zwischen Dortmund und Duisburg leben. Dass man all das auf die Kleinkunstbühne bringen kann, haben bereits  Comedians wie Herbert Knebel oder Dr. Ludger Stratmann bewiesen.

Kalle Henrich hat daraus eine unnachahmliche Kunst gemacht, wenn er etwa einen Dialog aus einer Imbissbude in Essen-Schonnebeck wiedergibt: „Einmal Doppel-Pommes mit Doppel-Beides“. Wie ein Sammler sucht der Essener die sprachlichen Kuriositäten entlang der A40 auf: egal, ob es die Eigenheiten des ruhrdeutschen Dialekts oder andere amüsante Formulierungen aus dem Alltag sind – was sonst so trocken ist, bringt das Publikum in der rappelvollen RüBühne vor Lachen zum platzen. Von Vorteil ist dabei sicherlich, dass er zweigeteilt sei: Einerseits unterrichtet der Kabarettist an der Gustav-Heinemann-Gesamtschule in Essen die Fächer Deutsch, Sport, Philosophie und Latein, andererseits sieht er sich auch als Sprachwissenschaftler.

Beschäftigung mit Ruhrdeutsch im RUB-Studium

Studiert und geforscht hat der gebürtige Badener in den 70ern an der Ruhr-Uni: in seinem Germanistik-Studium beschäftigte er sich in verschiedenen Studien intensiv mit dem ruhrdeutschen Dialekt – unter anderem schrieb er eine Arbeit zum Thema „Dialekt und Soziolekt der Sprache des Ruhrgebiets.“ Der Fundus, aus dem er nun humoristisch schöpft, ist natürlich der Ruhrpott geblieben. Da er aber schon seit über zwanzig Jahren unterrichtet, liefert auch der Schulunterricht immer wieder amüsantes Material – auch an diesem Best-of-Abend: So erzählt er von einer Schülerin, die sowohl in Französisch, in Mathe und in Grammatik schlecht steht. Für Französisch und Mathe wird Nachhilfe gesucht, „ die Grammatik“, so die Eltern, „bringen wir sie selbst bei.“ Ein Schüler schreibt seine erste Entschuldigung: „Hiermit möchte ich mich entschuldigen für meinen 18-jährigen Geburtstag, da ich an diesem Tag einer fiebrigen Erkältung erlag.“ Oder ein Aufsatz im Geschichtsunterricht: „viele wurden geköpft, manche wurden sogar hingerichtet.“ Alles Original-Fundstücke, wie Henrich gerne betont.

„Woher dat allet kommt“

Die vielen Anekdoten und Witze sind zuletzt auch didaktischer Clou: So erklärt der Lehrer, wie das Niederdeutsche die Grundlage für den Dialekt im Ruhrpott bilde. Sprachliche Merkmale stammen aber auch aus der ersten Einwanderungswelle – etwa aus dem Jiddischen: Schlamasel, Zoff oder Maloche sind Beispiele dafür. Genauso wie „bestusst und bekloppt“, wie Henrich scherzt: „Ich bin dem Jiddischen sehr dankbar. Ohne das könnte ich nicht Auto fahren.“ Auch die Merkmale, die das Ruhrdeutsche ausmachen, zählt er, um nur wenige zu nennen, auf: Da sind etwa die Diminutivendung (Ömaken), das fehlende „r“ im Inlaut oder ein „ch“ statt „g“ im Inlaut – sprachwissenschaftliche Kenntnisse, die LinguistInnen oder GermanistInnen sicher schon in Seminaren oder Vorlesungen aufgeschnappt haben. Nicht nur für sie sind Henrichs Lesungen und Texte spannend. Denn dä kannze au watt lachen.

:Benjamin Trilling