Foodsharing.de bringt Menschen zueinander und schärft das Lebensmittelbewusstsein
Taste the Waste
Screenshot: foodsharing.de
Wo wird im Pott food geshared? Ein Blick auf die Karte zeigt, dass das Projekt in Witten und Umgebung bereits Freunde gefunden hat. Screenshot: foodsharing.de
Wo wird im Pott food geshared? Ein Blick auf die Karte zeigt, dass das Projekt in Witten und Umgebung bereits Freunde gefunden hat.

In den westlichen Industriestaaten landen Unmengen an kostbaren Lebensmitteln im Müll. Der Schwund lauert überall: Bei der Produktion, beim Transport, Verkauf und nicht zuletzt auch in den Haushalten wird weggeschmissen, was gegessen gehört. Die Kampagne „Zu gut für die Tonne“ des Ernährungsministeriums rät, Übriggebliebenes aufzuwärmen, einzufrieren oder kreativ wiederzuverwenden. Der Journalist und Filmemacher Valentin Thurn („Taste the Waste“) will das Bewusstsein für Lebensmittel in der Gesellschaft verändern und die Verwendungsmöglichkeiten von „Resten“ um eine soziale Komponente erweitern: Auf foodsharing.de kann man sehen, wer in der Nähe Lebensmittel zu verschenken hat.

Laut Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) „werfen wir jedes achte Lebensmittel, das wir kaufen, weg“. Das macht jährlich pro BundesbürgerInnenkopf 82 Kilogramm und absolut 6,7 Millionen Kilo. In finanziellen Dimensionen gesprochen, so lernt man aus der Dokumentation „Taste the Waste“ (die man sich auf Youtube in voller Länge ansehen kann) von Valentin Thurn, sind das bundesweit pro Jahr Lebensmittel im Wert von 20 Milliarden Euro – das entspricht dem Jahresumsatz von Aldi in Deutschland.
Thurn, der schon mehrere Dokumentationen zu dem Thema gedreht hat, will mit der Internetplattform foodsharing.de seinen praktischen und ideellen Beitrag dazu leisten, diesen Müllberg, der ja keiner ist, weil er aus verwertbaren Lebensmitteln besteht, zu reduzieren. Das Prinzip von Foodsharing ist schnell erklärt. „Wer was übrig hat, zum Beispiel weil er kurz vorm Urlaub steht oder gerade eine Party gemacht hat, dann kann er das auf seinem PC oder Smartphone eintippen“, erklärt Thurn in einem Video zur Seite, „und die anderen Leute sehen das dann auf ihrem Smartphone und können sich die Lebensmittel abholen.“ Projektmanager Sebastian Engbrock ergänzt und betont auch die soziale Komponente des Portals: „Die Community soll als Kommunikationszentrale dazu dienen, Menschen zu verbinden.“

Essen ist nicht nur Nahrungsaufnahme

Es geht den MacherInnen der Seite aber um mehr, als bloß darum, den Brokkoli nicht verschimmeln zu lassen. In einem Gespräch für den Podcast des Hamburger Lebensmittelkontrolleurs Frank Döblitz, geschmacks-muster.eu, der auch Mitglied im Foodsharing-Förderverein ist, beklagen beide Gesprächspartner, Thurn und Döblitz, die Entfremdung der Gesellschaft von ihren Lebensmitteln. Das Mindesthaltbarkeitsdatum wird oft missverstanden, gleichzeitig aber auch als Schablone für normatives Konsumverhalten gebraucht. Die hohe Lebensmittelverschwendung in den Industriestaaten sei unter anderem darin begründet, dass wir keinen sinnlichen und auch keine rationalen Bezug zu unserer Nahrung mehr hätten. Wir hätten uns von unserer Nahrung entfremdet. Von „Kulturverlust“ ist da die Rede. Es fehle bei vielen „die Grundfertigkeit, sich Gedanken zu machen: ‚Was nehme ich da überhaupt zu mir?‘“ Diese Grundfertigkeit gelte es wiederherzustellen; die Einsicht, dass unsere Lebensqualität „erodiert“ ist in unserer Gesellschaft, gelte es großflächig hervorzurufen.

Foodsharing, Containern, Freeganismus

Foodsharing ist dabei Produkt einer modernen, konsumkritischen Geisteshaltung. Das Bewusstsein für gesunde Ernährung, die Beziehung zu unserem Essen ist durchaus vorhanden und auf einem guten Weg. Bio-Produkte und Bio-Läden haben seit Jahren Konjunktur. Immer mehr Menschen plündern nachts die Abfallcontainer von Supermärkten und füllen so ihre Kühlschränke mit Lebensmitteln, die schmackhaft und gesund sind. Wieso werden sie dann weggeworfen? Weil sie nicht mehr einwandfrei aussehen: Kleine Druckstellen auf der Paprika sind für die Supermärkte oft schon ein Ausschlusskriterium, genauso wie eine Beule in der Konserve.
Gerade diese Tatsache aber, dass es anscheinend profitabler ist, Produkte kurz vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatum wegzuschmeißen statt im Sonderangebot zu verkaufen, dass die Läden ihre Container vor den „MülltaucherInnen“ verschließen statt ihre „Abfälle“ zu verschenken, zeigt, dass diese Geisteshaltung erst am Rand und noch lange nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Eine Gesellschaft, die geschälte, exakt gleich große, vorgekochte Kartoffeln im Glas einkauft, ist immer noch von ihren Lebensmitteln entfremdet.

Auf ein 5,0-Bier nach Dortmund

Auf dem am 11. Dezember gestarteten Portal warten zurzeit über 200 Essenskörbe in der ganzen Republik darauf, abgeholt zu werden. Das Ruhrgebiet steht mit seinen knapp 20 Angeboten im Vergleich mit den anderen Ballungsräumen gar nicht mal so schlecht da. Am Sonntag, den 3. Februar hätte man sich 20 Kaffeepads in Essen-Rüttenscheid abholen können, vier Flaschen HP-Soße in Duisburg. Oder man hätte in die Dortmunder Innenstadt fahren können für eine Dose kostenloses 5,0-Pils.
Auch in der Bochumer Hustadt gab es zwei Körbe abzuholen. Leider kann man nur als regisitrierteR NutzerIn tief genug in die Karte zoomen, um nachzuschauen, was in den Körben zu finden ist. Das ist schade und unverständlich, soll das ganze Konzept jetzt aber nicht in Frage stellen. Wenn nun aber genug Leute sich anmelden, können auch in Uninähe fleißig Lebensmittel getauscht werden. Vielleicht wird dann auch wieder mehr gemeinsam gekocht.
 

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