Rassismus damals und heute
Vergessener Brandanschlag in Duisburg
Bild: Leon Wystrychowski
Wut und Trauer: Angehörige und Überlebende erinnern an die Todesopfer von Wanheimerort. Bild: Leon Wystrychowski
Wut und Trauer: Angehörige und Überlebende erinnern an die Todesopfer von Wanheimerort.

 

1984 ereignete sich in Duisburg ein Brandanschlag mit sieben Toten. Das lang vergessene Ereignis war ein Vorspiel für die rassistische Gewalt im wiedervereinigten Deutschland.

Wie viele Gegenden des Ruhrgebiets ist auch der Duisburger Stadtteil Wanheimerort geprägt von den Resten der Industrie, einer bunten Migrationsgeschichte, steigender Armut und politischer Vernachlässigung. Daraus versuchen nicht zuletzt Rechte Profit zu schlagen: Bei den jetzigen Kommunalwahlen errang die AfD im Bezirk Wanheimerort Ost fast 11,5 Prozent. Im vergangenen Jahr marschierte „Die Rechte“ durch das Viertel, um mit Sozialdemagogie auf Stimmenfang zu gehen. Dabei führte die Route der Neonazis nahe der Ecke Fischerstraße/Wanheimer Straße vorbei. Was die Faschisten wohl nicht wussten, und auch in Duisburg kaum bekannt ist: Auf das Eckhaus, in dem damals mehrheitlich türkische Familien lebten, wurde am 26. August 1984 ein Brandanschlag verübt, bei dem sieben Menschen getötet wurden, darunter drei Kinder und ein Säugling.

Anlässlich des 36. Jahrestags dieser Tragödie versammelten sich Überlebende und Angehörige, Unterstützer:innen und einige Duisburger:innen, um den Toten zu gedenken. Aber auch, um die Verantwortlichen zu benennen, die bis heute verhindert haben, dass der Fall aufgeklärt wird. 2018 erst war die Geschichte wieder aufgerollt worden, als die gebürtige Duisburger Soziologin Ceren Türkmen bei ihrer Arbeit über Zeitungsberichte aus der Zeit stolperte. Es hatte auch damals Initiativen aus der Duisburger Bevölkerung gegeben, die auf den möglichen rassistischen Tathintergrund aufmerksam machten. Weil diese Stimmen aber u.a. aus der DKP kamen, brachten Oberbürgermeister Krings (SPD) und Mordkommissionsleiter Zimmermann sie in Kalter Kriegs-Manier zum Schweigen, indem sie von Manipulationen »von östlich des eisernen Vorhangs« sprachen.

Dass es „keinen Rechtsradikalen“ gebe, daran hielt man auch fest, nachdem 1994 eine Frau, die einen Brandanschlag auf eine Geflüchtetenunterkunft in Duisburg-Hamborn verübt hatte, auch die Brandstiftung in Wanheimerort gestand. Statt dem naheliegenden Motiv, nämlich Rassismus, zu folgen, wurde sie stattdessen für „psychisch krank“ erklärt. Dieses Verhalten ist symptomatisch: Die Mär vom „Einzeltäter“ zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte rechter und rassistischer Gewalt in der BRD, auch wenn nach dem NSU-Terror und den Anschlägen von Halle (2019) und Hanau (2020) immer weniger Menschen daran glauben. Ein weiteres wiederkehrendes Phänomen ist die „Täter-Opfer-Umkehr“, die auch auf der Gedenk-Kundgebung in Wanheimerort wiederholt angekreidet wurde: Das bekannteste Beispiel sind die NSU-Morde, die bis zur Enttarnung der drei Haupttäter:innen als »Döner-Morde« bezeichnet wurden. Die Polizei ermittelte ausschließlich gegen das Umfeld der Opfer. 

Ähnlich lief es in Wanheimerort: Statt auch nur in alle Richtungen zu ermitteln, wurde als Tathintergrund bald ein Konflikt zwischen »Ausländischern« erfunden und ein jugoslawischer Nachbar mehrere Monate in Untersuchungshaft genommen. Noch heute zeigen sich die Verantwortlichen uneinsichtig. 2018 warf der mittlerweile pensionierte Zimmermann jenen, die sich um Aufklärung bemühen vor, „ein rechtsradikales Motiv zu konstruieren.“ Dass dieser Umgang nicht auf „Pannen“ zurückzuführen sei, da zeigen sich die Aktivist:innen jedoch sicher. Es gehe um strukturellen Rassismus und um Verflechtungen zwischen Nazis, Polizei, Justiz und Geheimdiensten. Diese Netzwerke müssten offengelegt und Rassismus von unten bekämpft werden, so erklärten sie in ihren Reden am Gedenktag.

Gastautor :Leon Wystrychowski

Duisburg als Vorreiter rassistischer Politik.

Eine kleine Chronologie

1984: Brandanschlag in Wanheimerort ist einer der ersten in Nachkriegsdeutschland und ein Vorgeschmack auf die 90er Jahre

2000: Duisburg bricht erstmals das Kirchenasyl und schiebt eine muslimische Roma-Familie nach Mazedonien ab

2013: Bundesweite Medienberichte über Rheinhausener »Problemhaus«; es kommt zu Nazi-Angriffen; OB Link (SPD) will »Roma gegen Syrer tauschen«

2014: NRW-Innenminister Jäger (SPD) aus Duisburg erlässt „Wohnungsaufsichtsgesetz“, das Kommunen die Räumung von „Schrottimmobilien“ erlaubt; in der Folge werden gezielt Duisburger Roma-Familien auf die Straße gesetzt

Duisburg will Geflüchtete in Zelten unterbringen, nach Protest wird das Vorhaben abgebrochen; den Tabubruch nutzen andere Städte, um im Jahr darauf Zeltlager zu errichten, Duisburg folgt

2015: Marxloh wird zur „No-Go-Area“ erklärt, aufwendige Polizeiaktionen gegen „Großfamilien“ erzielen kaum Ergebnisse, die Polizei will Druck für mehr Geld und Personal erzeugen; es folgen Kampagnen gegen „Clans“ vor allem in Essen, Dortmund und Berlin

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