:bsz-Redakteur begibt sich für sein erstes Live-Rollenspiel ins radioaktive Kriegsgebiet
Voll verstrahlt im Ödland der Zukunft
Foto: Anni Noir
Die Armee des Stahls: Angetreten zum Appell. Foto: Anni Noir
Die Armee des Stahls: Angetreten zum Appell.

Krieg… Krieg ist immer gleich. Er stürzt Unzählige ins Verderben und nur wenige profitieren davon, wenn überhaupt. Als Anfang des 21. Jahrhunderts aber die atomare Apokalypse ausbricht, sind die Folgen verheerender als je zuvor, Gewinner gibt es keine. 150 Jahre nach dem „Großen Feuer“ ist die Welt eine ganz andere. Die Armee des Stahls kämpft gegen die Mutanten, welche die radioaktiv verseuchte Welt hervorgebracht hat; die Scavenger leben vom Plündern und Schrottsammeln; in den Städten, die in den Ruinen der alten Zivilsation neu entstanden sind, herrscht die Sünde und regiert das Geld, und letztlich ist sich im Kampf ums Überleben ohnehin jedeR selbst der/die Nächste. Wir schreiben das Jahr 2163 und wir leben in der Welt von F.A.T.E.

F.A.T.E. steht für „Fall after the end“ (Tautologie-Overkill!) und ist ein LARP (Live Action Role Play) im Endzeitsetting. Ein solches Szenario dürfte den meisten aus Filmen wie der „Mad Max“-Trilogie, „Waterworld“, „The Book of Eli“ oder – mit Zombie-Zusatz – „Resident Evil: Extinction“ bekannt sein. Den größten Einfluss auf die F.A.T.E.-Welt hat aber die Computerspielreihe „Fallout“ dank diverser Elemente wie der Idee von überlebenden BunkerbewohnerInnen und der Verbindung von marodierendem Endzeit-Stil mit amerikanischem 50er-Jahre-Chic. Das F.A.T.E. VII, das vom 15. bis zum 18. Mai in Mahlwinkel unweit von Magdeburg stattfand, war mein erstes LARP.

Apokalyptisches Spiel in echter Endzeitatmosphäre

Das Spielgelände ist prädestiniert für ein solches Rollenspiel. Ein ehemaliges sowjetisches Kasernen- und Militärflugplatzgelände bietet einfach die perfekte Kulisse: Seit zwanzig Jahren verlassen, hat sich die Natur hier stellenweise ihren Platz zurückerobert, Gebäude zum Einsturz gebracht. Hier hat die Endzeit schon angefangen, bevor die SpielerInnen ihre Lager aufbauen. Die noch bestehenden Gebäude werden in kürzester Zeit zu Hauptquartieren der einzelnen Fraktionen: Vom halb eingefallenen Flugplatztower aus haben die Scavengers ihr Lager voll im Blick, die Banditen der White Stars besetzen eine leer stehende Offiziersunterkunft und ein dreistöckiges Mannschaftsgebäude erblüht für drei Tage zu pulsierendem Leben: Hier entsteht Angel Falls, die Stadt, die den Mittelpunkt des Geschehens bildet.
Unter der Kontrolle des Kartells, einer Endzeit-Cowboy-Mafia, wird den apokalyptischen GlücksritterInnen alles angeboten, was ihnen den Kampf ums Überleben leichter – oder vergessen – macht: Geschäfte mit Waffen und Ausrüstung, das Restaurant „Schlotzeria“, die Bar „Schlucker“ (mit Firmenschild aus modifizierten Schlecker-Werbetafeln), ein Hotel sowie ein spartanisches, aber unter den gegebenen Umständen dekadent luxuriöses Badehaus. Es ist erstaunlich, wieviel Liebe und Mühe die SpielerInnen in ihre Kostüme und die Spielwelt stecken (ein Paradies für Videospiel-Nerds: In Zac‘s Shack gibt es Kaugummi mit einem als Duke Nukem verkleideten Pip-Boy und der Aufschrift „It’s time to kick ass and chew bubblegum“). Es ist kaum möglich, nicht in die Spielwelt einzutauchen. Es gibt sogar einen spielinternen Radiosender, der tagsüber live moderiertes Programm übers Gelände sendet. Alles wirkt authentisch postapokalyptisch. Verdreckt, improvisiert, verzweifelt – oder hedonistisch. Denn natürlich beherbergt die Stadt auch den Goldesel des Kartells, das Vergnügungsviertel. „Tired of surviving all day? Come to the Amusement Section – Royal Diamond Club“, steht auf den Flugblättern. Es gibt Nachtclubs mit sexy Shows, Konzerte, ein Kasino. „Cash – Win – Xxx. Games – Alc – Fun“, liest man weiter – wenn man lesen kann, denn das ist in der Welt von 2163 nicht selbstverständlich.

Im Spiel bad to the bone, im realen Leben Mr. Nice Guy

Deshalb muss die Fanpost (und die eifersuchtstriefenden Drohbriefe!) an die Tänzerinnen des Nachtclubs mit dem herrlichen Namen „Hell‘s Belles“ auch von der Managerin, Trinity Trash, vorgelesen werden. Im Nachtclub, der von Arzo Renz (kein Spielname) betrieben wird, treten junge Frauen auf, die unter anderem durch ihre boSKop-Tanzkurse sowie ihre Herner Tanzschule „Le Serpent Blanc“ zur Tanzgruppe gestoßen sind. Der Club ist auch mein Arbeitsplatz. Ich bin für die Sicherheit des Clubs und vor allem der Tänzerinnen zuständig. Zwar genießen die Damen höchsten Respekt in der Stadt und dem umliegenden Ödland, aber es kann ja vorkommen, dass ein IT (In Time, also im Spiel) oder OT (Out Time, also außerhalb des Spiels, im Ernst, in real) berauschter Gast über die Stränge schlägt. Dann muss die Sicherheit IT oder OT angemessen reagieren. Oder wenn unerlaubt fotografiert wird. Glücklicherweise gab es keinerlei OT-Sicherheitsprobleme. Überhaupt ist das LARP eine – bei allem Kriegsspiel – sehr friedliche Veranstaltung. Mehrere hundert Menschen treffen sich auf diesem Militärgelände und hassen sich teilweise im Spiel, gehen in real aber respektvoll miteinander um. Verlorene Portemonnaies tauchen wieder auf, die Frauen fühlen sich sicher, von Diebstählen habe ich nichts gehört.

Debatten von heute in der
Welt von morgen

Gerade bei den Tanzeinlagen der Hell’s Belles verschwimmt die Grenze zwischen Spiel und Realität. Wenn man stirbt, weil man von einem Schaumstoffgeschoss getroffen wird, ist die Sache klar. Wenn eine Frau an der Stange tanzt, sind die „Ausziehen!“-Rufe aus dem Publikum nicht genau einer Ebene zuzuordnen. Aber dafür gab es ja die Ladies’ Night im Club, bei welcher die Männer bei der Mr.-Angel-Falls-Wahl ihre „Männlichkeit“ unter Beweis stellen müssen. „Ich find’s gut, dass jetzt auch mal die Männer den ganzen Sexismus abbekommen“, sagt eine Zuschauerin und lacht. In realitas sind die Männer und Frauen zumeist ganz anders drauf, wie sich herausstellt. Darum heißt es ja Rollen-Spiel.
So ganz ist die Zivilisation aber nicht verloren. 2163 erfährt die in die Barbarei zurückverschlagene Zivilisation eine Aufklärungs-Renaissance – wenn auch nur in ersten, zarten Zügen. So diskutiert ein Sicherheitsmann mit einem Stahl-Soldaten: „Natürlich mag keiner diese Mutanten. Sie sind anders und womöglich gefährlich und man sollte sie abknallen. Aber man muss sie sich ja nicht in Gladiatorenkämpfen gegenseitig zerfleischen lassen.“
Die Liebe zum Detail, der sichtliche Spaß aller Beteiligten an der Sache und die Immersion in eine andere Welt lassen mich jetzt schon ungeduldig darauf warten, Angel Falls im Jahr 2164 wiederzusehen.

Frauen fit für die Apokalypse: Zwei Hell’s Belles im Armeelager. Foto: mar
Unser Überlebender Marek Firlej im post-apokalyptischen Scavenger-Lager. Foto: Thomas Stark
Das fahrende Casino. Foto: Thomas Stark
Endzeitbeförderungsmittel. Foto: Thomas Stark
Nach außen verstörend, nach innen geschützt. Foto: Thomas Stark
Der Versuch, alte Traditionen wiederzubeleben: Beim Armeeball stellt sich unser Redakteur dümmstmöglich an. Foto: Thomas Stark
Gefährlich: Zu FUß unterwegs durchs Ödland. Foto: Thomas Stark
Angel Falls: Will man in diese Stadt wirklich betreten? Foto: Thomas Stark
Die Armee des Stahls: Angetreten zum Appell. Foto: Anni Noir
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