Darf’s ein bisschen weniger sein?

Der blasse Junge löffelt sein Schälchen bis zum letzten Fitzelchen aus, aber die dünne Pampe hat ihn nicht satt gemacht. Ebenso wenig seine Schicksalsgenossen: Oliver traf das Los um einen Nachschlag zu bitten. Er geht mit seinem leeren Schälchen und dem Löffel nach vorne zur Essensausgabe und sagt mit zitternder Stimme: „Bitte, Herr, ich möchte noch etwas mehr.“ Aber der kleine Junge wird statt der zweiten Schüssel Haferschleim eine Tracht Prügel bekommen und aus dem Armenhaus geworfen werden. Der arme, kleine Oliver! Falsch – die arme Gemeinde! Da unterhält sie schon so nächstenlieb ein Armenhaus, und die nutzen das gierig aus.

In der letzten Woche bin ich zu der festen Überzeugung gekommen, dass Charles Dickens ein sehr missverstandener Mann war. Sein Roman Oliver Twist ist keine Kritik an den menschenverachtenden Auswüchsen des englischen Frühkapitalismus. Nein, es ist eine Warnschrift gegen „Wohlfahrtstourismus“. Einer der wenigen, die das visionäre Potential Dickens erkannt zu haben scheinen, ist unser Innenminister Friedrich – deshalb warnt er auch so eindringlich vor der Zuwanderung in unser schönes deutsches Sozialsystem. Der aufrechte Mann lässt sich von keiner Sozialromantik foppen, sondern ihm ist klar, wer hier eigentlich wem schadet: Nämlich der Rotzbengel mit seinen ungeheuerlichen Wünschen der Gemeinde, die so gütig ist ein Armenhaus zu unterhalten. Da ist es nur logisch und konsequent, wenn er jetzt mehr Härte gegen Armutseinwanderung aus solchen Rotzbengel-Ländern wie Rumänien und Bulgarien fordert. Da gewährt die EU schon so gnädig das Freizügigkeitsrecht und da wollen die noch mehr. Aber wie soll denn Deutschland eines der reichsten Länder der Welt bleiben, wenn es sein ganzes Geld für Nachschläge verjubelt? Wie die englische Gemeinde muss es klug mit seinen Sozialleistungen haushalten und alle, die so gnädige Almosen erhalten, sollten etwas mehr Dankbarkeit zeigen. Aber was das für Gestalten sind, die gierig einen Nachschlag verlangen, führt uns Dickens mit seinem Oliver vor Augen – das wollte nur all die Jahre niemand erkennen. Genau davor wollte Dickens warnen: Wer in unverschämter und undankbarer Weise mehr fordert, der offenbart sein kriminelles Potential. Oliver schließt sich immerhin im Laufe des Romans einer Taschendiebbande an. Und was ist quasi das Heimatland der Taschendiebe? Genau. Rumänien. Auch die aufrechten Duisburger BürgerInnen scheinen mehr von Dickens verstanden zu haben als die ganzen Lektüreschlüssel, sonst hätten sie sich nicht so tapfer gegen das „Roma- Haus“ gewehrt.

Auch innerhalb der EU scheinen schon längst einige der wahren Intention Dickens auf die Schliche gekommen zu sein, sonst hätte das Europaparlament wohl kaum das Grenzüberwachungssystem Eurosur auf den Weg gebracht. Aber auch die Mehrheit der Deutschen scheint Dickens schon längst durchschaut zu haben; sie sind nur geschickt und wahren den Schein. Es wäre auch sicherlich sehr umständlich die ganzen Lehrpläne und Lektüreschlüssel umzuschreiben – Polanski müsste einen neuen Film drehen und die FeministInnen müssten sich neu darüber aufregen, dass er straffrei eine Minderjährige vergewaltigt hat. Wer will das schon? 52 % gaben in der Umfrage des ARDDeutschlandtrends an, dass sie dafür sind, dass die EU mehr Flüchtlinge aufnehmen soll. 51% wollen aber nicht, dass Deutschland mehr Flüchtlinge aufnimmt. Sollen mal schön die anderen machen. Unser Reichtum hat ja auch nicht mit „deren“ Armut zu tun. Und ich sage: Gut so! Denn denkt jeder an sich selbst, dann ist schließlich an alle gedacht. Das wusste schon Charles und ich habe es jetzt auch endlich verstanden.