Das Geld ist nicht genug

„Gib mir fünf“, sagte der dreitagebärtige Mann hinter dem Tresen.  Noch vor einigen Jahren hätte ich ihn nicht verstanden, doch mittlerweile war mein Deutsch perfekt. Nicht gut oder akzeptabel – nein, perfekt! Unsere Wissenschaftler hatten ganze Arbeit geleistet, und ihre konzentrierten Hypnosetechniken hatten die gutturale, grammatikalisch abstruse Sprache in meine Hirnwindungen gebrannt. Jetzt stand ich hier an einem Kiosk mitten im Feindesland, um Bier zu kaufen. Das machten die Menschen so, darum machte ich es auch. Nur nicht auffallen. Die Mission nicht gefährden. „Gib mir fünf“, hatte der Verkäufer gesagt. Also griff ich in meine abgewetzte Schweinsledergeldbörse (dieses Wort zu lernen hatte eine Extra-Stunde Hypnose veranschlagt, aber mittlerweile sage ich es stolz und häufig) und zückte einen druckfrischen 5-Euro-Schein. Ganz neu herausgekommen, hatten mir die Kontaktleute in der Bank gesagt. Echte Hightech-Noten, der letzte Schrei. Mit Speziallack beschichtet, außerdem extrem fälschungssicher. Die alten Scheine seien außerdem zu schnell verschlissen, weil sie aus Baumwolle gefertigt worden waren. Klang alles plausibel. Nur eine Frage blieb mir: „Warum steht denn da ‚Misthaufen’ auf der Banknote?“, hatte ich gefragt.
Darauf angesprochen, hatte mir der Schalterbeamte in der Bank erklärt, das sei die Unterschrift von Mario Draghi, dem Präsidenten der Europäischen Zentralbank. Bei der Nennung des Namens blitzte ein Bild vor meinem inneren Auge auf – ein kleiner Mann mit Brille, dazu biographische Informationen und biometrische Daten. Noch so eine Nebenwirkung der Gehirnwäsche, der ich mich fürs Vaterland unterzogen hatte. „Ein Agent muss seine neue Umgebung kennen wie die eigene Westentasche“, hallte mir die Stimme meiner Ausbilderin in den Ohren. Ich hatte das nie verstanden, obwohl die Menschen auch bei uns im Osten Westen tragen. Jetzt aber dämmerte mir, was das zu bedeuten hatte. Ich war ein verdammtes Genie…
Die schroffe Stimme des Verkäufers riss mich aus meinen Gedanken: „Den nehm’ ich nich’!“, sagte er, und reichte mir den glänzend-grünen Geldschein über die Theke zurück. „Den hast du doch selber gedruckt.“ Meine Alarmglocken schrillten, und eine Gänsehaut fuhr mir über den Nacken ins Rückgrat. „Der ist druckfrisch, von der Bank“, beharrte ich, um Souveränität bemüht. „Nee-nee, Freundchen, da ham ’se dich schön reingelegt“, lachte der Dreitagebart meckernd seine Replik. „Guck mal, da steht sogar ‚Misthaufen’ drauf.“ Ich wollte gerade sagen „Das ist die Unterschrift von Mario Draghi, Sie ungebildeter Knilch“, aber irgendetwas ließ mich innehalten. Was, wenn der Verkäufer Recht hatte? War ich bewusst falsch informiert worden, um meine Tarnung auffliegen zu lassen? Wenn das der Fall war, waren sie mir auf den Fersen. So oder so, ich musste sichergehen und das weitere Vorgehen mit meinem Kontakt in der Nachbarstadt koordinieren. „Sei wie sie. Passe dich an“, flüsterte meine Ausbilderin in mir. Also die Bahn. Nur schnell ein Ticket lösen. Es kitzelte mich, den vermeintlich falschen Fünfer noch einmal auf die Probe zu stellen. Ein Automat war kein Augenzeuge, dachte ich bei mir. Vielleicht war ja noch nicht alles verloren und der Verkäufer die Schwachstelle. Doch die digitale Anzeige gab mir bittere Gewissheit. „Ungültiger Geldschein.“ Man hatte mich hereingelegt. „Auch im Osten trägt man Westen“, murmelte ich gedankenverloren, als mir klar wurde: Meine gesamte Kleidung bestand aus Baumwolle. Und teilweise hatte sie sich seit Jahrzehnten nicht abgenutzt. Ich war ein verdammtes Genie.