Der Überläufer
Wir schreiben das Jahr 2113. Es ist 20:15 Uhr. Auf allen Kanälen läuft GV-History. Wieder wird das Format von Guido K. moderiert. 2080 kaufte der Medienmagnat, der sich mit Dokumentationen über den Zweiten Weltkrieg und Hitler zum Multimilliardär mauserte, dem Bund die angeschlagenen öffentlich rechtlichen Fernsehanstalten ab. Alle anderen Fernsehsender mussten 2065, aufgrund von NEW-EU-Richtlinien, ihren Sendebetrieb einstellen. Heute gibt es nur noch Guido-Vision, kurz GV.
 
Interessiert starre ich in den Fernseher und stelle fest, dass es in dieser Sendung um Überläufer gehen soll. Hört sich spannend an. Habe ich doch erst kürzlich in einem historischen Buch über Jagdbegriffe von Überläufern gelesen. In der Jägersprache werden ungefähr ein- bis zweijährige Wildschweine als Überläufer bezeichnet. Oftmals schließen sich die jungen Überläufer mit anderen Wildschweinen in einer Rotte zusammen. Erst wenn die Geschlechtsreife einsetzt, trennen sie sich wieder von der Gruppe. Ich lehne mich in meinem Sessel aus künstlichem Rindsleder zurück und greife nach meinem künstlichen Fleischriegel. Die Sendung beginnt mit einer Dokumentation über zwei US-Agenten, die 1960 in die Sowjetunion flüchteten, um die Öffentlichkeit über die streng geheimen Abhörmaßnahmen der NSA zu informieren. Nachdem sie via Mexiko und Kuba in die UdSSR eingereist waren, gaben sie am 6. September 1960 auf einer Pressekonferenz im Haus des sowjetischen JournalistInnenverbandes die umfangreichen Aufklärungs- und Abhöraktivitäten der NSA bekannt. In diesem Moment erinnere mich an einen Klassiker aus den späten 2080er Jahren. In dem Film ging es auch um einen Geheimdienstmitarbeiter, der über China nach Russland flüchtete, um die Öffentlichkeit über die Aktionen der NSA zu informieren. Hauptsächlich spielte der Film im Terminal des Moskauer Flughafens – Hauptdarsteller war der Enkel von Tom Hanks.
 
Gespannt warte ich auf den nächsten Beitrag. Diesmal geht es um Journalismus, Kungeleien und irgendeinen anderen Kerl, der die Seiten wechselte. Ich öffne eine Dose mit synthetischem Bier und mache es mir auf meinem Sessel gemütlich. Recht anschaulich wird mir erklärt, dass es mal eine Zeitung und ein Nachrichten-Magazin gab, die in ihrer thematischen und journalistischen Ausrichtung recht unterschiedlich waren. Der Wechsel des besagten Journalisten von der Zeitung zum Nachrichten-Magazin sorgte seinerzeit für reichlich Trouble in der Medienlandschaft und unzufriedene MitarbeiterInnen in der Redaktion des Nachrichten-Magazins. Schließlich hatte der neue Chefredakteur die Stelle einfach mit einem guten Bekannten besetzt. Als mir klar wird, dass es in diesem Beitrag lediglich um einen schnöden Personalwechsel geht, macht sich Enttäuschung in mir breit und ich schalte den Fernseher ab. Was hat dieser Quatsch bitte mit einem Überläufer zu tun?
 
Nach einer weiteren Dose Synthetik-Bier verkopple ich mich mit meiner Datenbuchse. Die Sache mit dem journalistischen Überläufer interessiert mich dann doch irgendwie. Mittels einer kurzen Recherche im Guido-Net stoße ich auf einen Artikel über Journalismus. Allem Anschein nach gab es in der Vergangenheit mal so etwas wie ein journalistisches Selbstverständnis in den Medien. Eine latent mitschwingende Färbung, die jedes Medium auszeichnete und sehr unterschiedliche Verquickungen grotesk erschienen ließ. Langsam verdaue ich die schwere Kost und spüle den synthetischen Fleischriegel, auf dem ich noch immer herumkaue, mit einem weiteren Schluck aus meiner Dose herunter. Jetzt wird mir klar warum man den Mann tatsächlich als Überläufer bezeichnen könnte, und ich muss unweigerlich an das Buch mit den Jagdbegriffen denken… was für eine Schweinerei!