Der letzte Zug

„Willste mal ziehen?“, fragt mich der großflächig tätowierte Hafenkneipen-Tresentrinker vom Nebenhocker. „Nee, lass mal“, erwidere ich etwas genervt. Ich hab mir noch nie was aus Asthma-Inhalatoren gemacht – auch nicht, wenn „E-Zigarette“ draufsteht und schon gar nicht, wenn Vanille-Kirsch-Liquid mit einem Touch Eukalyptus drin ist. Klar geht es noch krasser – vom Bratkartoffel-Flavor bis hin zum Sauerbratenaroma-Super-GAU ist die Richter-Skala des schlechten (Nach-)Geschmacks quasi nach unten offen. Aber wenn sich der ultragrüne Nikotin-Exorzismus der NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens auch auf EU-Ebene durchsetzt, wird selbst für die E-Zigarette irgendwann der letzte Zug abfahren.
Zigarettenautomaten werden dann ebenfalls schon längst Geschichte sein. Der Jugend, die es angeblich und vor allem zu schützen gelte, wird dies aber sicherlich am Allerwertesten vorbeigehen – sollte das Komasaufen als Nikotinflash-Ersatz irgendwann endgültig aus der Mode kommen, wird bestimmt auf irgendeine temporär leistungsoptimierende Designerdroge umgeswitcht – sagen wir auf Kokalyptus. Vielleicht wird das weiße Koka-Gold dann ja sogar grün eingefärbt und auf Parteitagen der Öko-PuristInnen in der VIP-Lounge konsumiert – bis der eine oder andere grüne Polit-Promi aus den Latschen kippt und Barbara Steffens vor die Füße knallt. Aber dann wird das Gekeife groß sein und nachhaltigen Tinitus-Kollateralschaden verursachen: „Ach, hätten wir doch auf die SPD gehört und den blauen Dunst damals wenigstens in Eckkneipen und zu Karneval weiterhin geduldet.“ Spätestens 2023 werden die Nikotin-ExorzistInnen endgültig einsehen müssen, dass ihr weltfremder Purismus einzig und allein die dunkle Seite der Macht stärkt und die heimliche Herrschaft der Neo-Illuminaten – nennen wir sie Kokalypten – befestigt haben wird…
„Dann eben nicht“, reißt mich der E-Zichtenmann am Tresen aus meinen abschweifenden Gedanken. „Entschuldigung, aber E-Zigarette musst Du seit gestern auch draußen rauchen“, mischt sich plötzlich Hafenkneipen-Pächter Jan ein, der bis zum 1. Mai noch um jede Raucherin und jeden Raucher gerungen hat. Nicht nur die wenigen Gäste, die sich am ´day after` hierhin verirrt haben, wirken lustlos bis angepisst; insbesondere das Tresenpersonal macht einen mega-angesickten Eindruck. „Herzlichen Glückwunsch“, denke ich laut, „wieder ein paar Leuten die Luft zum Atmen genommen. Wenn demnächst noch die GEMA-Gebühren vervielfacht werden, kann nicht nur Jans Hafenkneipe gleich ganz zumachen. „Ein sterbendes System erkennt man am Schließen seiner Nischen“, sage ich halblaut, zahle und gehe – um in der Fußgängerzone um ein Haar vom örtlichen Kokalyptus-Fahrradkurier niedergemäht zu werden.