Erfurt schafft sich ab

Der Freistaat Thüringen ist zwar das Land ohne Prominente, dafür aber mit den vielen schönen Ecken. Wartburg und Weimar wollen besucht werden und das Kyffhäuser-Denkmal zieht auch Leute in seinen Bann, die nichts mit Drogen zu tun haben. Erfurt hat eine malerische Altstadt, zwei dicke Kirchen direkt nebeneinander, eine Festung und all das, was Menschen sagen lässt: „Erfurt, jaja, das ist eine schöne Stadt.“ Als Hoffnung des Landes und geistige Elite in Ausbildung sind es natürlich vor allem die Studierenden, die an Kunst und Geschichte, Natur und Kultur des Landes interessiert sind. In Thüringen wie in NRW sind die Bahnen vollgestopft mit wissbegierigen und tatendurstigen AkademikerInnen, die ihr Semesterticket in vollen Zügen genießen und von einer Burgruine zum nächsten Naturpark pilgern.

Ist das in ganz Thüringen so? Nein! Eine von bürokratischen Studierendenräten vertretene Studierendenschaft hört auf, den Verkehrsbetrieben Tributzahlungen zu leisten. Die Studierendenräte der Uni sowie der FH Erfurt haben in einer Urabstimmung von ihren WählerInnen wissen wollen, ob sie einer Erhöhung des Semesterticketpreises zustimmten. Dabei haben sie anscheinend versäumt, darauf hinzuweisen, dass bei einem – zu erwartenden – Negativvotum der ganze Freifahrtschein für die Stadt abgeschafft wird. Obwohl das Ergebnis wie auch bei unseren Urabstimmungen alles andere als repräsentativ ist (die Wahlbeteiligung lag an der RUB bei knapp 15 Prozent, in Erfurt bei rund 13 Prozent – vorbei sind die Zeiten, als im Osten die Wahlbeteiligung bei 99,7 Prozent lag), sah sich die Studierendenvertretung an dieses Votum gebunden und kündigte den Betrieben des öffentlichen Personennahverkehrs die Verträge auf. Eine Petition gegen diese Entscheidung hat bereits mehr Unterschriften als die eigentliche Urabstimmung. Einerseits möchte man insbesondere jenen, die die Petition unterzeichnet haben, aber nicht wählen waren, ins Gesicht sagen: „Das hast du nun von deiner Ignoranz“ und ihnen in ebenjenes eine Hand voll kinetischer Energie zukommen lassen, andererseits könnte man den Studierendenrat für seine hoffnungslose Überforderung mit Verhandlungen, Informationsfluss und der deutschen Sprache verspotten. Dann wiederum…

Vielleicht steckt da ja Absicht und System hinter. Womöglich sind die Erfurter AStA-Pendants ja unterwandert von feisten Neureichensöhnchen und -töchterchen, die jeden Tag mit Papas Pseudogeländewagen zur Hochschule kommen. Wenn sie für die zwei Kilometer täglich vier Euro für Benzin ausgeben müssen, warum sollen sie dann noch für so eine dämliche Straßenbahndauerkarte zahlen?

Ein vorbildliches Vorgehen. An der RUB könnten die linken Noch-Oppositionslisten endlich ihre Revolution ausrufen, aber erst einmal klein mit einem AStA-Putsch beginnen. Dann initiieren sie eine Urabstimmung: „Ich bin für eine Theaterflat für das Rottstr5-Theater.“ Dass dafür der Vertrag mit dem großkapitalistischen Konzern Schauspielhaus aufgehoben wird, muss man ja niemandem sagen. Dafür starten die Rechten aus dem Untergrund heraus die Aktion „Ich bin gegen eine Inflation des Euro“ und erschleichen sich so die Einführung einer campusinternen Währung: Die RUB (Reichsunmittelbare Bank)-Mark.

Das Ganze lässt sich natürlich ausweiten: Der Mehr-Demokratie-Wagen verteilt im Auftrag von Bündnis ’90/die Grünen im ganzen Land Stimmzettel. Natürlich sind alle gegen „einen Mindestpreis von 15 Euro pro Kilo Fleisch“. Dass es dann aber gar kein Fleisch mehr gibt, muss man ja erstmal nicht verraten. Die SPD schießt schließlich den Bundesadler ab: Das Plebiszit „Ich bin für ein ungerechtes Deutschland“ erhält 95 Prozent Nein-Stimmen. Und dann hat Genosse Sarrazin leider Recht gehabt.

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