Götze­verehrung

Götze wechselt. Auf eine bessere Stelle, mit einem höheren Gehalt und der Aussicht auf Titel. Außerdem mehr Prestige. Diese Nachricht riss niemanden von den Stühlen. Niemand titelte in Zeitungen, ob groß oder klein, ob seriöses Medium oder reißerisches Boulevardblatt. KeineN interessierte der Wechsel. Ein neuer Arbeitsplatz ­– na und? Und so packte Götze seine Sachen, ließ noch einmal den Blick durch sein Büro schweifen und zog nach Dortmund. Im Gepäck hatte der frischgebackene Informatik-Professor der Technischen Universität, Jürgen Götze, nicht nur seinen Computer, sondern auch seine drei Söhne. Darunter der kleine Mario. Der spielte Fußball, und zwar so gut, dass eines Tages der große BVB anklopfte. Dort sorgte ein anderer Jürgen, der Kloppsche, dafür, dass der Sohn des Götze-Jürgen aber mal so richtig groß rauskam. Ein Jahrhundertspieler, ein Wahnsinnstalent: Es waren sich alle einig. Dann kam das Angebot. Für eine bessere Stelle, mit einem höheren Gehalt und der Aussicht auf Titel. Außerdem mehr Prestige. Diese Nachricht riss die Menschen nicht nur von den Stühlen – sie haute sie auch vom Hocker, und ließ die eingefleischten Fans der Südtribüne des Signal-Iduna-Parks, die sonst immer stehen, kraft- und saftlos auf die Sitzschalen des Stadions plumpsen. Ein Wechsel? Unvorstellbar!
Aber was ist so anders, wenn statt einem/r Universitätsangestellten ein hochbezahlter Sportprofi den Arbeitgeber wechselt? Der mediale Hype bricht nicht los, wenn einE ProfessorIn, der/die gute Arbeit leistet und an seiner/ihrer Hochschule beliebt ist, einen Ruf an eine andere Universität annimmt. Bessere Arbeitsbedingungen, mehr Hilfskräfte, ein Forschungsprojekt – das alles sind die Handgelder des akademischen Betriebs. Dahinter steckt aber auch im universitären Bereich nichts anderes als Geld. Und statt einer Ablösesumme gibt es einen feuchten Händedruck und ein paar wohlgesetzte Worte, so pathetisch wie unehrlich. Hier wie dort. Eine weitere Gemeinsamkeit sind die trauernden Fans. Wenn der Lieblingsdozent oder die Lieblingsprofessorin geht, fließen zwar meist keine Tränen, und sein E-Mailpostfach wird auch nicht mit Schmähpost gefüllt (zum Glück für die ohnehin angespannten Mailserver der RUB, die es in punkto Speicherkapazität nicht im Ansatz mit einer Facebook-Pinnwand aufnehmen können). Trotzdem ist auch an der Uni manchmal Wehmut dabei, wenn man an all die schönen Sprech- und Seminarstunden und wohlmeinenden Korrekturanmerkungen zurückdenkt. Oder an den/die möglicheN ErstkorrektorIn der BA-Arbeit, der/die nun andere Studierende mit seinem Wissen erhellt. An einer anderen Universität.
Hausarbeit ist Heimsieg, Hackentrick ist Hauptseminar? So einfach ist es dann wohl doch nicht. Denn genau wie die Bahn zum Stadion kein U35-Gefühl kennt und die Wurst in der Mensa ganz bestimmt keine Stadionwurst ist, kann man mit Vernunft allein die Hysterie nicht begreifen. Wo Emotionen im Spiel sind, kann der Verstand nicht siegen. Und beim Fußball geht es letztendlich nicht um Sport, die eigene Bildung oder Zukunft oder die des Landes oder der Welt. Beim Fußball sind Emotionen nicht im Spiel, sie sind das Spiel. Und die Uni ist zwar so viel mehr, aber gleichzeitig doch so viel weniger. Adieu, mon professeur.