Kameraterror

„Nimm’s persönlich und komm zur Sache“, hat jemand auf den Bauzaun gekritzelt. Das will ich gerne tun – zumal ich auch die sich schleichend vermehrenden Kameras immer persönlicher nehme, die zunehmend den öffentlichen Raum und mein facebook-registriertes Gesicht abscannen. Und nachdem sämtliche U35-Haltestellen auf dem Weg zum Campus in den letzten Wochen mit neusten Überwachungsfunzeln mit 360-Grad-Rundblick ausgestattet worden sind und auch einige Etappen der Universitätsstraße, sämtliche Tankstellen sowie der eine oder andere Parkplatz kameraüberwacht sind, ist der Weg zur Alma mater nur noch zu Fuß oder mit dem Rad weitgehend unbewacht zurückzulegen. Das nervt nicht nur, sondern kann sogar tagtäglich aufs neue heftige Aggressionen erzeugen – sofern man Big Brother nicht nur für ’ne stumpfsinnige Containersoap hält, sondern im Orwellschen Sinne als allmächtigen Überbruder identifiziert. Das Ganze spitzt sich zu, wenn sich hinter den Kameras nicht nur etwa ein übereifriger Verkehrsbetrieb verbirgt, sondern die Exekutive einer Staatsmacht, die vorgibt, ihre technisch immer weiter perfektionierte Bespitzelung zur vermeintlichen Steigerung des Allgemeinwohls durchzuziehen. Und wenn gerade keine Doppeltürme in Übersee einstürzen, tut es in Zeiten fortschreitender Politikmüdigkeit auch mal ein Rockertreffen in Gelsenkirchen, um mal wieder in reaktionäres Geschrei nach mehr Überwachung zu verfallen. Überhaupt keines konkreten Anlasses bedarf es mehr, wenn man etwa Innenminister in Bayern ist – dann schreit man schon quasi aus Gewohnheit nach mehr Polizeistaat und unterstellt allen Andersdenkenden, „mit Sicherheit nichts im Sinn zu haben“, wie dies CSU-Hardliner Joachim Hermann jüngst auszudrücken beliebte. Dass man seinen Untergebenen ganz nebenbei vielleicht die Luft zum Atmen abschnürt, indem man sie abfilmt wie Tiere, bleibt geflissentlich unreflektiert.

Wo bleibt in einem immer dichteren Kamera-Dschungel eigentlich das bei medialen Publikationen vielgepriesene „Recht am eigenen Bild“? Stellen wir uns etwa eine videoüberwachte Szene in einer ehemals legendären, gegenwärtig etwas abgeranzten Bochumer Location vor, deren Haupteingang inzwischen ebenfalls durch eine – wenn auch dilettantisch in die Wand eingelassene – Minikamera überwacht wird; nennen wir die Kneipe Zoniladen. Die trotz Warnhinweis an der Eingangstür dezent versteckte Abfilminstallation hätte die Stasi jedenfalls wesentlich besser hingekriegt… In lockerer Runde sitze ich am Eingang und haue ein paar Bier weg, während ich mit meinem Studikollegen über meinen Boss im Callcenter-Nebenjob herziehe. Alles ist easy und eigentlich ein netter Abend. Doch am nächsten Tag hält die minutiös aufgezeichnete Wahrheit in das umnebelte Trugbild Einzug. Ausgerechnet mein eigener Kumpel, der mit dem Pächter vom Zoniladen schon seit Jahren auf Du ist, bombt mir schon am frühen Katermorgen bei Arbeitsbeginn einen Videoclip in die Mailbox: Mit exakter Zeitangabe am unteren Bildrand sehe ich mich mit schwerer Zunge und ausladenden Gesten noch einmal über den Chef lästern, der sich diesmal allerdings hinter mich geschlichen hat, während ich den Clip geöffnet habe. Fehlt nur noch mein neben der digitalen Zeitangabe eingeblendeter Promillepegel, der wie die Börsenkurse auf n-tv über den Bildschirm flimmern könnte. „Kennst Du den Typen, der ohne Gepäck in den Zoniladen taumelt und mit meinem Rucksack wieder rausschleicht?“, fragt mein Kumpel in seiner Mail. Der Dieb hat eine verdammte Ähnlichkeit mit meinem Vorgesetzten, dessen hochrot angelaufenes Gesicht ins Violette umschlägt und nun Joachim Hermann gleicht. „Das – das bin ich nicht“, stammelt er, während er im Kopf bereits meine Kündigung formuliert. Am folgenden Tag bin ich gefeuert und begieße meine neugewonnene Freiheit mit einer Dose Hansa im UniCenter. Über mir surren drei Überwachungskameras.