Umgezogen

Es ist 1.30 Uhr und ich liege auf meinem Bett. Im Fernsehen läuft eine Dokumentation über das Leben von Nomadenvölkern. Es geht um Beduinen, Berber und die Hema. Ich nehme mein Smartphone zur Hand, welches gleichsam mein Wecker ist, und konsultiere Wikipedia. Ich gebe „Nomade“ ein. Der digitale Quell unendlichen Wissens teilt mir mit, dass jene Menschen und Gesellschaften als Nomaden bezeichnet werden, die aus „kulturellen, ökonomischen oder weltanschaulichen Gründen eine nicht sesshafte Lebensweise führen“. Das deckt sich in etwa mit den Informationen, die mir die Dokumentation im Fernsehen mit auf den Weg gibt. Ich muss leicht schmunzeln. Eine Nacht zuvor, es war Donnerstagabend, hatte mir mein Mitbewohner mitgeteilt, dass er aus der gemeinsamen Zwei-Mann-WG ausziehen und die Wohnung seiner Schwester in Witten-Annen übernehmen werde. Für mich kam dieser Entschluss sehr überraschend und unerwartet. Es war in etwa so, als ob es an der Tür klingele und die Polizei die traurige Mitteilung überbrächte, dass man unsere Wohngemeinschaft tot aufgefunden habe. Ein mittelschwerer Schock, der sich jedoch durch den anschließenden gemeinsamen Biergenuss abmildern ließ. Das alles hat natürlich wenig mit den Nomadenvölkern aus dem Fernsehen zu tun. Für mich ist dies der zweite Umzug meines Lebens. Fünf Jahre habe ich in Bochum-Weitmar gewohnt. Eine tolle Ecke. Verschiedene Supermärkte, eine Sparkasse und ein gut sortiertes Getränkecenter auf der anderen Straßenseite befanden sich in greifbarer Nähe. Mir wird klar, dass Wohngemeinschaften wohl kein dauerhaftes Lebensmodell darstellen und Umzüge ein lästiges Übel sind, mit dem man sich arrangieren muss. Schade eigentlich. Ich habe die Zeit wirklich genossen.
Am nächsten Tag sitze ich in einem kleinen Bochumer Café und versuche, auf meinem Smartphone mit lustigen Vögeln lustige Konstruktionen zu zerstören. Die Freundin eines guten Freundes arbeitet hinter der Theke. In ihrer Pause setzt sie sich zu mir an den Tisch. Natürlich kommen wir auf meinen Umzug zu sprechen. Bereits im Juni wird es so weit sein. Sie erzählt mir, dass sie in den letzten zehn Jahren bereits zehnmal umgezogen sei. Vielleicht auch elfmal. An die genaue Anzahl der Umzüge könne sie sich nicht mehr so recht erinnern. In der Verteilung bedeutet dies, dass sie jedes Jahr umgezogen sein muss. Gegen Abend, ich sitze mit einem Kommilitonen im Bermuda3ck und trinke ein Bier, geht es wieder um meinen Umzug und die Wohngemeinschaft. Auch er sagt mir, dass er allein während seines Studiums, welches nun vier Jahre dauere, bereits sechs Mal umgezogen sei. Mir drängt sich die Frage auf, ob ich zu einer besonderen Gattung sesshafter Studierender gehöre. Zügig zerstreuen Bier und Kippendunst meine Gedanken. Gut, dass es den Intershop gibt, schießt es mir ins Hirn.
Der Sonntagmorgen beginnt um 13 Uhr. An meinem Computer beginne ich zu rekapitulieren, welche bürokratischen und formalen Schritte nun vor mir liegen. Recht schnell zeigt sich, dass in den dunklen Verliesen der Nebenkosteninsel ein formal-bürokratisches Mietmonster auf mich lauert. Strom, Stadtwerke, Fernsehen, Internet, Telefon und Versicherungen wollen gekündigt oder umgemeldet werden. Selbiges trifft auf alle Angaben zu, die ich jemals online oder offline getätigt habe. Meine alte Adresse, Ablaufdatum 1. Juni 2013, muss getilgt und ersetzt werden. Gegen Abend ist es geschafft. Ich liege auf der Couch und sehe im Fernsehen eine Dokumentation über Flugzeugträger. Dieses Mal drängen sich mir keine gedanklichen Analogien auf. Ich schaue an die Decke und stelle fest, dass sich dort etwas Tapete abgelöst hat. Mir wird klar, dass die Renovierung der Wohnung zur Übergabe an den Vermieter noch vor mir liegt. Mal sehen, ob es im Kühlschrank noch etwas Bier gibt.