Unruh über Urnengräbern

Es war keine gewöhnliche Nacht in Querenburg. Im Wald hinterm BioMedizinPark spielte sich ein seltenes Ereignis ab, ermöglicht durch das Zusammenfallen von StuPa-Wahlen und Vollmond. In der Klause mit den grünen Läden brannte Licht und über der Tür prangte um Schlag Mitternacht der Schriftzug „Zur zerbrochenen Urne“. Aus Dutzenden Gräbern, in denen man jahrzehntelang Wahlurnen samt Stimmzettel verbuddelt hatte, erhoben sich die Geister der vergessenen Listen und strebten ihrer Stammkneipe zu. Um Mitternacht c. t. war das kuriose Geisterensemble versammelt. In der Mehrzahl waren es bloß die gespenstischen Abbilder mehrerer Studi-Generationen, wobei die Baader-Meinhof-Lookalikes aus den Siebzigern schon hervorstachen. An einem Tisch in der linken Ecke waren die Reste sozialistischer, kommunistischer und anarchistischer Gruppen im Nu hoffnungslos zerstritten, wobei sie vor Eifer rot pulsierten. Andere Gespenster hatten Formen passend zu ihren Listennamen angenommen. Rosen und Tulpen duckten sich mehrfach weg unter den ausladenden Gesten einer Schneegans. Im Dunstmeer unter der Decke schwamm SHARK seine Runden, schnappte manchmal nach einer Marxistenfaust oder der Pranke des Grauen Panthers.

Ein Buntspecht hämmerte auf den Tisch, um sich Gehör zu verschaffen, ohne Effekt. Ein Eispickel, dem vom Verdreschen immaterieller Trotzkisten am anderen Tisch langweilig war, schwebte vorbei und fühlte sich jäh von einem Panzerhandschuh gepackt. Der Schwarze Ritter ließ den Eispickel niedersausen, dass der Tisch erbebte. Er hatte die nun ungeteilte Aufmerksamkeit aller. Nur Eispickel protestierte: „Ey, geht’s noch?“

„Hab dich nicht so, ist nicht mal ein Kratzer“, hallte es dunkel aus dem Helm zurück. Der Schwarze Ritter wandte sich an die anderen: „Okay, schön, dass ihr da seid. Lasst uns loslegen, die Viertelstunde ist lange rum. Das Wort hat Frau Buntspecht.“

Vorwürfe, er würde die Sitzungsleitung an sich reißen, wischte der Schwarze Ritter mit weiteren Hammerschlägen beiseite. Dann verschwand er hinterm Tresen. Währenddessen schaute Buntspecht in die Runde: „Liebe Freundinnen und Freunde. Wenn die Aktion noch klappen soll, müssen wir uns echt beeilen. Die letzte Sitzung ist länger her, aber der Antrag ist der gleiche, eingebracht vom Veteranen Einheitsblock / Union nicht genügend überdachten Lächelns trotz innerer Genialität.“ Ein breit strahlender Smiley vertrat die Gruppe. „Eigentlich müssten wir nur noch abstimmen.“ Klopfender Applaus.

„Wir wollen die Diskussion neu eröffnen und haben einige Änderungswünsche“, kam ein Zwischenruf, wohl von den Anarchos von 883 Revolutionäre Aktion.
Buhrufe. „Haltet nicht den Betrieb auf.“

„Ich möchte auch noch was ändern“, krähte der Gottkaiser. „Errichtung einer Theokratie; Weihung des Audimax zur Kathedrale; ein Zehnt vom Semesterbeitrag an mich.“
„Schnauze!“

Die Fortsetzung der Diskussion war kaum abgelehnt, da brüllte der Schwarze Ritter: „Geschäftsordnungsantrag: Saufen!“ Er stellte zwei Tabletts voller Cocktails auf den Tisch. Dem Eispickel in seinem Gürtel dröhnte noch vom Eiszerkleinern der Kopf.

Buntspecht setzte erneut an: „Kommen wir zur Abstimmung. Dafür? Dagegen? Enthaltungen? Dann ist der Antrag angenommen zur sofortigen Machtübernahme durch uns, die vergessenen Listen. Mit Blick auf die Uhr ist das heute wohl nicht mehr drin, die Geisterstunde ist bald um. Praktische Umsetzung dann nächstes Mal. Bis in ein paar Jährchen. AStA la victoria siempre!“

(Anmerkung: Alle kursiv gedruckten Namen stammen von Listen aus 47 Jahren StuPa-Wahlen an der RUB.)