Waden & Maden

Wälzt euch im Staub, den ich aufwühle, ihr Maden! Ihr, die ihr euch wie Vieh in die U-Bahn pfercht, küsst den Fahrradweg, auf dem ich fahre. Während ihr mit dem Maul im Dreck rumschmatzt, könnt ihr euch wenigstens nicht beklagen. Ich hab es so satt, von euren kleinen, selbstverschuldeten Wehwehchen zu hören. „Heute war die U35 wieder so voll, ich hatte tatsächlich Schulterkontakt mit anderen Menschen.“ Aber dann gebt ihr einen Monatslohn für überteuerte Festivals in der Eifel aus, die das „Rock“ nicht verdient haben, das sie im Namen tragen! Dort drängt ihr euch zu Abertausenden im Schlamm und drückt eure verfetteten, halbnackten Leiber gegeneinander. Und dafür bezahlt ihr auch noch! „Ja, es war ganz furchtbar“, höre ich euch gegenseitig von eurem ‚Leid‘ berichten, „ich musste auch drei Bahnen an der Markstraße warten, weil es so voll war und ich nicht reingepasst habe.“ In der Zeit wärst du zu Fuß drei Mal an der Uni angekommen, du träges Schwein! Hättest du dich hin und wieder mal bewegt in deinem Leben, hättest du auch reingepasst in die Bahn. Oh, ich kann euer unverdient dekadentes Gejammere nicht mehr hören!

Muss ich auch nicht, haha! Denn ich, ich fahre Fahrrad. Frei, unabhängig und klimafreundlich absolviere ich mein Studium. Während die Rolltreppe unter dem Gewicht eurer fetten Leiber ächzt, seufzt wohlig des Velos weicher Sattel vor Glück, meinen knackigen Arsch halten zu dürfen. Während ihr Apotheken und Allergologen die Tür einrennt, bin ich an der frischen Luft und atme so viele Pollen ein, dass ich keinen Heuschnupfen mehr kriege, sondern Rauschzustände davon habe; ich bin high, einfach indem ich Gras einatme! Und während ihr euch über die langsamen Fahrstühle in GB beklagt, nehme ich die Treppe, denn mittlerweile sind meine Waden dermaßen gestählt, dass sie an der Flughafenkontrolle ein Piepen auslösen. Also schweigt! Vor allem ihr, die ihr mit dem Auto zur Uni kommt. Oh, ihr seid noch schlimmer als die Sardinenhirne aus der Bahn! Fahrt mit Papas Mittelklassewagen zur Bildungsanstalt und fragt euch, wo all die Vögelein und Kaninchen hin sind! Verpestet und überfahren! Und warum sterben die Eisbären aus? Weil die skrupellosen, Zigarre rauchenden Konzernbosse für euch in der Arktis nach Öl suchen! Und die niedlichen Pandas, Zierde des Internets? Verrecken durch den von euch herbeigeführten Treibhauseffekt!

Fahrradmietstationen in der Fahrradverbotszone. Foto: USch

Ich darf euch verachten, denn ich bin der Supermensch. Dieser Titel sowie meine moralische Überlegenheit gingen in dem Moment auf mich über, als ich das erste Fahrrad aus dem neuaufgestellten Mietfahrradständer vor HGB gezogen habe. Da ist es mir auch egal, wieviel Geld der AStA dafür angeblich zuviel bezahlt hat. Es ist mir auch egal, dass direkt das zweite Fahrrad, das ich mir lieh, einen defekten dritten Gang hatte. Ich sehe es als gratis Extratraining! Und dass ich immer dann, wenn ich es halbwegs eilig habe, zwei Minuten auf die Kombination des Zahlenschlosses warten muss oder der Terminal nicht versteht, was ich mit „Ausleihe“ meine, das kann ich auch als dieser Tage tolerierten bis sympathischen Einzelfall abtun. Auf die U-Bahn, die laut Anzeige „sofort“ kommen soll, wartet man ja auch eine Bogestra-Minute, also irgendwas zwischen 30 und 180 Sekunden. Die Bremse ist kaputt? Die Verleiher waren so gnädig, mir zwei davon in mein Rad einzubauen. Alle Widrigkeiten und Widersprüche nehme ich für das Recht, mich über euch zu stellen, in Kauf. Also kniet noch einmal nieder, ihr Gewürm, damit ich... oh, so spät schon? Dann nehme ich heute, ausnahmsweise, wirklich nur heute, mal die U-Bahn, sonst bin ich nicht pünktlich an der Uni.
 

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