Wrocłał

Es heißt Breslau, nicht Wrocław! Die Stadt liegt auch in Niederschlesien und nicht in Dolny Śląsk. Das hat natürlich nichts mit germanisch-imperialen Restaurationsbestrebungen zu tun – das schreibe ich nur, weil die polnischen Namen ja niemand aussprechen kann. Ich habe ja nichts gegen Polen, aber was sind die paar Jährchen polnischen Besitzes gegen die 600 Jahre deutscher Stadtgeschichte (ja, die böhmische und die österreichische Herrschaft zählen da auch)? Da wird man doch noch Breslau sagen dürfen.
Mit dem Hansa-Bier in der Hand (extra aus der deutschen Heimat mitgebracht) stromer ich durch die Altstadt und über die Werder der Oder. Fast alles, was hier schön ist, wurde in deutscher Zeit erbaut. Ist klar, das meiste wurde in den letzten zwanzig Jahren gründlich restauriert, ganz prächtig. Bestimmt nur mit deutscher Hilfe.

Zwei Männer in Uniform kommen auf mich zu und wollen irgendwas von mir. „Ich kann kein Polnisch“, sage ich mit einem süffisanten Lächeln. „Alkohol ist in der Öffentlichkeit in Polen nicht erlaubt“, erklärt daraufhin einer der Polizisten in flüssigem Deutsch.
Das verwundert mich jetzt aber. Also, dass man im Land der Wodkasäufer auf der Straße nicht trinken darf, und dass hier einer Deutsch kann. Ich darf noch fix die letzten zwei Schlucke austrinken, dann wünschen mir die Männer noch einen schönen Aufenthalt in Breslau. Das waren ja nette Polizisten. Aber sind sicher nicht alle so. Man hört ja viel über die osteuropäische Staatsgewalt. In Russland, da verkloppen die dich direkt, ohne Grund und so.

Also in eine Kneipe gesetzt. Nicht schlecht, was für eine Bierauswahl! Ich dachte, die trinken hier nur selbstgebrannten Schnaps. Sogar Altbier haben die hier. „Meisterhaft Geschmack“ steht auf dem Etikett. Was für Trottel. Aber hey, das ist ja richtig gut! Da muss man die anderen Biere auch probieren. Einige Biere später bin ich um einen angenehm geringen Geldbetrag ärmer, dafür aber um ein paar Freunde reicher. Ham mich einfach zu sich an‘n Tisch geholt und dann hamwer gans lang geplaudert und au gelacht. Auf Englisch. Nette Jungs und Mädels, die studiern auch so interessantes Zeuch, Europastudien, internationales Recht und Kommunikationsdesign und so. Keine Ahnung, was das is, so gut is mein Englisch nich. Trotzdem Spaß gehabt.

Fragen mich irgndwann, warum ich immer Breslau sach und nich Wrocław und ich sach: „Weil dat so heißt! Is ja Deutsch!“ Da sagn die: „Dann sagn wir auch Drezno statt Dresden und sogar eure Hauptstadt Berlin“ – dabei sagen sie eher Bärrlin – „ist slawisch!“ Ich glaubs nich, da zeign se auf ihren Smartfons das Internet. Da stehts: Berlin heißt „Ort im Sumpf“. Oha. Draufhin trinkn se mich untern Tisch und bringn mich in mein Hostel.

Am nächsten Tag sind mein Verstand und meine Sprache wieder klarer. Ich stromer wieder durch die Stadt. Irgendwie ist dieses Durcheinander der Kulturen ja ganz stark. Die Buchhandlungen haben Bücher auf Deutsch, Polnisch und Englisch. In österreichischen Gebäuden gibt’s leckere schlesische Wurst zu kaufen und in den kommunistischen Klötzen wird englische Kunst ausgestellt.

Die haben ja durchaus was aus dieser Stadt gemacht. Sollen sie sie behalten, lassen wir die Geschichte Geschichte sein und alle sind zufrieden mit dem, was sie haben, und haben Spaß mit ihren Nachbarn. Aber umbenennen sollten sie die Stadt in Wroc-wow! Such city! Very visit! Much interesting! Einen Shiba Inu hab ich tatsächlich hier schon gesehen.
 

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