Kolumne

Im Jahr 1993 sprang der Orca-Wal Willy majestätisch, seine gesamte Kraft gegen die Gefangenschaft aufbäumend, auf die andere Seite der Mauer – dorthin, wo er schon immer hingehörte: in die Freiheit. Sein Menschenjungenfreund Jesse stand ihm zur Seite oder vielmehr zur Unterseite, die er, tropfnass, aber mit wacker hochgestrecktem Arm, zum Abschied ein letztes Mal streifte. Episch.
So oder so ähnlich hat man sich anscheinend auch die Befreiung des guten alten Handels vorzustellen. Was wäre auch epischer als die größte Freihandelszone der Welt?

Sie klopfen auch bei Nacht, die Herzen der Verborgenen in den tiefen Bäuchen der Lastzüge am neuen Hafen von Tanger. Ihre Körper sind warm wie der Wüstensand an schillernd-blauen Tagen. Keine Hungersnot, kein wochenlanger Sandsturm vermochte ihren unbedingten Lebenswillen zu brechen, und weder der Wucherzins der Zöllner noch das horrende Handgeld der Schlepper konnte ihnen den Mut nehmen. Doch selbst wenn sie auch den Arguslinsen der Thermokameras entgehen, weil sie unweit des aufgeheizten Motors kauern, verrät sie doch der Schlag ihrer Herzen. The disease had sharpended my senses – not destroyed – not dulled them. Above all was the sense of hearing acute. I heard all things in the heaven and in the earth. I heard many things in hell.
 

Dear Diary, I’m totally exhausted… Was war der Juni für’n Höllentrip. Lächeln und winken! Dabei hat mein wahres Ich, der Wolf im Schafspelz, längst die Weltbühne betreten. Und immerhin bin ich der  Erste Präsident mit Nobelpreis. Im Prinzip hab ich ja auch schon echt viel erreicht – oder? Wären da nicht immer diese viel zu hohen Erwartungen, lästigen Dienstreisen und nervigen KollegInnen. Beim Treffen mit Xi Jinping auf Ranch Sunnylands im 42 Grad heißen Kalifornien hatte ich schon den Kaffee auf: Unserer hemdsärmelig lockeres Weltmächtetreffen sollte einen historischen Neubeginn markieren.

Wenn Du gerade auf eine Autobahn auffährst, solltest Du definitiv das Radio ausstellen – insbesondere, wenn Du 1LIVE-HörerIn bist. Denn ansonsten könnte es sein, dass das Wort MAGGIKALYPSE das letzte ist, was noch in den Ohren klingelt und sich in der nächsten Sekunde mit einem schrillen Bremsschrei vermengt, gefolgt von einem dumpfen Knall, der sämtliche Erinnerungen tilgt. Wenn Du Glück hast – oder je nach Verletzungsgrad eben auch Pech –, wachst Du im Bergmannsheil noch einmal auf und wirst geweckt von wuselnden Krankenschwestern und dem WDR-Bericht vom Tage: Ein Brand in einer Chemiefabrik war es also, der die Metropole für Stunden in ein süßliches Duftgewand aus Liebstöckel – auch bekannt als Maggikraut – getaucht hat. Einen ganzen Dienstag lang wird die zahme Sau durchs mediale Dorf getrieben.

Erst die Rechtschreibreform und jetzt das. Sprachwandel – gemacht für Begriffsstutzige. Unterdrückung der Interpretationsfreiheit. Eurythmie in Schriftform. Niemand kann mehr ohne ihn hier: ☺. Er ist überall. Hihi. . Worte, Sätze, logische Aussagen und Zusammenhänge sind sowieso nur noch überflüssig. Voll out und so. Warum sollte man einen sinnvollen Text ausformulieren, wenn man stattdessen die Möglichkeit hat, einen Affen zu versenden, der sich die Augen zuhält? Oder die Abbildung eines Shrimps? Oder einen Kacka-Haufen, der den/die EmpfängerIn höchst blöd angrinst?

Fahrradmietstation in der Fahrradverbotszone. Foto: USch

Wälzt euch im Staub, den ich aufwühle, ihr Maden! Ihr, die ihr euch wie Vieh in die U-Bahn pfercht, küsst den Fahrradweg, auf dem ich fahre. Während ihr mit dem Maul im Dreck rumschmatzt, könnt ihr euch wenigstens nicht beklagen. Ich hab es so satt, von euren kleinen, selbstverschuldeten Wehwehchen zu hören. „Heute war die U35 wieder so voll, ich hatte tatsächlich Schulterkontakt mit anderen Menschen.“ Aber dann gebt ihr einen Monatslohn für überteuerte Festivals in der Eifel aus, die das „Rock“ nicht verdient haben, das sie im Namen tragen! Dort drängt ihr euch zu Abertausenden im Schlamm und drückt eure verfetteten, halbnackten Leiber gegeneinander. Und dafür bezahlt ihr auch noch!

 

„Nimm’s persönlich und komm zur Sache“, hat jemand auf den Bauzaun gekritzelt. Das will ich gerne tun – zumal ich auch die sich schleichend vermehrenden Kameras immer persönlicher nehme, die zunehmend den öffentlichen Raum und mein facebook-registriertes Gesicht abscannen. Und nachdem sämtliche U35-Haltestellen auf dem Weg zum Campus in den letzten Wochen mit neusten Überwachungsfunzeln mit 360-Grad-Rundblick ausgestattet worden sind und auch einige Etappen der Universitätsstraße, sämtliche Tankstellen sowie der eine oder andere Parkplatz kameraüberwacht sind, ist der Weg zur Alma mater nur noch zu Fuß oder mit dem Rad weitgehend unbewacht zurückzulegen. Das nervt nicht nur, sondern kann sogar tagtäglich aufs neue heftige Aggressionen erzeugen – sofern man Big Brother nicht nur für ’ne stumpfsinnige Containersoap hält, sondern im Orwellschen Sinne als allmächtigen Überbruder identifiziert.

„Gib mir fünf“, sagte der dreitagebärtige Mann hinter dem Tresen.  Noch vor einigen Jahren hätte ich ihn nicht verstanden, doch mittlerweile war mein Deutsch perfekt. Nicht gut oder akzeptabel – nein, perfekt! Unsere Wissenschaftler hatten ganze Arbeit geleistet, und ihre konzentrierten Hypnosetechniken hatten die gutturale, grammatikalisch abstruse Sprache in meine Hirnwindungen gebrannt. Jetzt stand ich hier an einem Kiosk mitten im Feindesland, um Bier zu kaufen. Das machten die Menschen so, darum machte ich es auch. Nur nicht auffallen. Die Mission nicht gefährden. „Gib mir fünf“, hatte der Verkäufer gesagt. Also griff ich in meine abgewetzte Schweinsledergeldbörse (dieses Wort zu lernen hatte eine Extra-Stunde Hypnose veranschlagt, aber mittlerweile sage ich es stolz und häufig) und zückte einen druckfrischen 5-Euro-Schein. Ganz neu herausgekommen, hatten mir die Kontaktleute in der Bank gesagt. Echte Hightech-Noten, der letzte Schrei. Mit Speziallack beschichtet, außerdem extrem fälschungssicher. Die alten Scheine seien außerdem zu schnell verschlissen, weil sie aus Baumwolle gefertigt worden waren. Klang alles plausibel. Nur eine Frage blieb mir: „Warum steht denn da ‚Misthaufen’ auf der Banknote?“, hatte ich gefragt.

„Willste mal ziehen?“, fragt mich der großflächig tätowierte Hafenkneipen-Tresentrinker vom Nebenhocker. „Nee, lass mal“, erwidere ich etwas genervt. Ich hab mir noch nie was aus Asthma-Inhalatoren gemacht – auch nicht, wenn „E-Zigarette“ draufsteht und schon gar nicht, wenn Vanille-Kirsch-Liquid mit einem Touch Eukalyptus drin ist. Klar geht es noch krasser – vom Bratkartoffel-Flavor bis hin zum Sauerbratenaroma-Super-GAU ist die Richter-Skala des schlechten (Nach-)Geschmacks quasi nach unten offen. Aber wenn sich der ultragrüne Nikotin-Exorzismus der NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens auch auf EU-Ebene durchsetzt, wird selbst für die E-Zigarette irgendwann der letzte Zug abfahren.

Götze wechselt. Auf eine bessere Stelle, mit einem höheren Gehalt und der Aussicht auf Titel. Außerdem mehr Prestige. Diese Nachricht riss niemanden von den Stühlen. Niemand titelte in Zeitungen, ob groß oder klein, ob seriöses Medium oder reißerisches Boulevardblatt. KeineN interessierte der Wechsel. Ein neuer Arbeitsplatz ­– na und?

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